Sind wir nicht alle…


Es ist also Januar. Der Monat, in dem uns jeder fit und schlank und gesund machen möchte. Wir haben Vorsätze und alle wollen was davon abhaben. Also nicht von unserem Alt-Fett, oder unseren Altlasten, nein, eher von unserer Motivation und unserem Geld. Also ran ans Portemonnaie, ach ne sorry, an den Speck!

Euch ist sicher auch aufgefallen, dass die Werbung voll ist mit Shakes, Videos, Apps und anderen Wundermitteln, die dieses Jahr zu unserem Besten werden lassen. Wir müssen nur JETZT handeln. Sofort. Nur einen Klick entfernt sind wir vom perfekten Jahresstart. Wenn nicht jetzt, im einstelligen Januar-Bereich, dann wird das nichts mehr, das ist sicher. Nur wer sofort auf den Stepper steigt, umgehend die bösen Kohlehydrate vom Speiseplan verbannt und jetzt JA sagt zu Abo, App und Altersvorsorge kann 2019 ganz vorne mit dabei sein.

Warum lassen sich Menschen so gut an ihren Vorsätzen packen? An ihrem schlechten Gewissen? An der Scham dafür, im letzten Jahr wieder nicht alles erreicht zu haben, an ihrer Angst vor der wachsenden Gute-Vorsatz-Liste. Warum ist es uns nicht scheissegal, ob da ein Wohlstands-Röllchen unterm Bauchnabel hockt? Oder, wenn es stört, warum hat das Polster am 1. Januar mehr Wichtigkeit als am 23. Juni?

Aber dieses Jahr wird alles besser! Ja, 2019 werden wir alle krass und sexy – so versprechen es uns zumindest die vermeintlichen Vorbilder, die es (was eigentlich?) geschafft haben. Aber sind wir denn nicht schon krass? Sexy seid IHR sowieso alle, denn ihr lest meinen Blog. 😉

Wir sind krass, denn wir ertragen dieses Leben, das doch immer schneller wird und uns fast täglich überholt. Eben hat man uns noch gesagt was wir alles in uns reinstopfen sollen, schliesslich weihnachtet es sehr, und jetzt, vier Tage später predigen alle das Gegenteil. “Mund zu, es liegen böse Kalorien in der Luft.” In gut vier Wochen dürfen wir dann immerhin wieder saufen bis zum Umfallen, wenn die närrische Zeit beginnt. Rauf auf den Tisch, Hände in die Luft und atemlos durch die Karnevalsnächte. Eine Runde Tequila für alle, die Gürtel werden in allen Bereichen wieder gelockert, um sie dann, wenige Tage später, ins letzte Loch zu schnallen, die Fastenzeit beginnt. Halleluja! Bis Ostern tun wir Busse.

Die Scham ist zurück. Für alles Mögliche sitzen wir auf unserer, imaginären, Stillen-Treppe und halten den Kopf geduckt, bestrafen unseren Körper für die Schwächen des Geistes. Etwa so, wie wenn der Bruder den Kirschkern quer über den Tisch an Opa Helmuts Kopf gespuckt hat und wir dafür Fernsehverbot bekamen “ich war das aber wirklich nicht!”.

Nach 40 Tagen ist es dann überstanden und wir dürfen dem Hasen mit dem Messer an die Löffel und ans wuschelige Schwänzchen. Ich bevorzuge ja die kohlenhydrat-zucker-fett-geladenen Schokoladenhasen, weniger flauschig aber um ein Vielfaches leckerer.

Nachdem wir uns dann die letzten Eierlikör Reste der Sprit-Eier aus den Mundwinkeln gewischt haben, bekommen wir schon wieder eins mit der Gewissens-Bratpfanne übergezogen. Es ist Ende April und die Sommerfigur ist noch im Winterschlaf. Verdammt! Das war doch das Januarprojekt: Sommerbody 2019! Wir wollten vorne dabei sein in diesem, neuen, Jahr. Schaffen wir das noch? Welches ist noch gleich die Wunder-App, der Klick zum Figurglück? Last-Minute-Sommerkörper-2019.com?

Aber eigentlich, wenn wir es uns recht überlegen, ist es doch schon zu spät. Diese Quälerei lohnt sich doch nimmer. Essen wir lieber die übrigen Schokoeier auf und kaufen nochmal drei Packungen im Ausverkauf. Eigentlich könnten wir den Sommer auch mal nach Skandinavien fahren, soll schön sein dort. Der Bikini kann dann zu Hause bleiben und kommt 2020 zum Einsatz. Ja, 2020 wird dann alles besser, da machen wir uns direkt am 1. Januar krass…ach ne, da ist Feiertag, ausserdem müssen da die Raclette-Reste noch vertilgt werden. Am 2. Januar dann aber! Nächstes Jahr, denn in diesem Jahr ist es einfach schon zu spät!

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