Es ist Sonntagabend. Also fast. Da wir August haben, und gerade erst 16.48 Uhr ist, würde man es wohl als Sonntagnachmittag bezeichnen. Aber durch den wolkenbehangenen, tropfenden Himmel kommt kaum noch Licht, was in mir eine verfrühte Abendstimmung freisetzt. Ausserdem köchelt das Abendessen bereits auf dem Herd vor sich hin …
Ende der 80er hatten Sonntagabende eine ganz besondere Stimmung. Eine, die ich wohl auch mit 76 noch spüren werde. Einerseits war da dieses mulmige Gefühl, morgen wieder in die Schule zu müssen. Eigentlich ging ich da gerne hin, denn dort traf ich Miri, Inka, Saskia, Tina und Melanie – meine Grundschul-Gäääng. Melanie habe ich gerade vor ein paar Wochen nach gefühlt 35 Jahren wiedergesehen (die anderen sehe ich quasi regelmässig). Melanie erinnerte mich daran, dass nur 8 Jahre vergangen waren seit unserem letzten Treffen, aber an viele Momente meiner Mittdreissiger kann ich mich schlecht erinnern, vor allem wenn es beim Kehler Messdi war, wo ich beide Hände voll Caipi hatte.
Melanie sass auf der hintersten Bank im Bus (wo die Coolen eben sitzen) auf dem Weg zum Schlagerkonzert (ganz klar ne Geschichte für ein andermal). Da sass sie also, meine Nebensitzerin der End-80er-Jahre und hatte sich kaum verändert. Gleiche Locken, gleiche Stimme, gleiches Lachen … gleicher Wohlfühlfaktor. Ich erinnerte mich daran, wie wir zwischen uns eine Ordnerwand aufbauten, um nicht voneinander abschreiben zu können (ich glaube, da war auf beiden Seiten nicht viel zu befürchten, was daran lag, dass wir immer schwätzten und somit beide ne Menge verpassten). Eigentlich hasse ich Busfahren (die, die noch den alten Blog kennen, können ein Lied davon singen). Der Bus ist einer meiner ganz grossen Endgegner. Dank Melanies Anwesenheit und meiner immer voller werdenden Begleiterinnen, die eine Fiesta Mexicana auf der A5 veranstalteten, überstand mein Magen diese Fahrt ohne Zwischenfälle.
Also nein, an Melanie und den anderen Gäääng-Mitgliedern lag meine Sonntagabend-Melancholie der 80er nicht. Womöglich lag es eher an Frau Engel, dem Zwang still zu sein und ruhig zu sitzen und überhaupt der Tatsache, in die Schule zu müssen, wo ich doch daheim so viel Wichtigeres zu tun hatte. Ja, auch mit 9 war ich schon sehr beschäftigt und hatte eine To-do-Liste an meiner Pinnwand hängen:
- Barbies kämmen
- Vögel und Bäume malen, weil ich nichts anderes kann
- Hasenstall ausmisten
- Zimmer aufräumen
- Flöte und Klarinette spielen
So viel also zur Mulmigkeit meiner Sonntagabende 1989. Die Freiheit des Wochenendes schwand dahin und ich hatte gefühlt noch so viel, was ich tun wollte, bevor der Ernst des Lebens am Montagmorgen wieder zuschlug.
Andererseits war da aber auch dieses Wohlfühlgefühl dieses Wochenend-Endes. Ich wurde ins blaue Schaumbad verfrachtet (eben gegoogelt: es heisst Litamin und existiert sogar noch) und während ich in der Badewanne lag, hörte ich die SWF3-Hitparade im Radio (ich war schon immer gerne up to date). Ich glaube, es hiess aber Pop-Shop denn die Hitparade lief im ZDF (ZDF-Hitparade), genauso wie Ronny’s Pop Show (ZDF) und Formel Eins (ARD) – ich liebte sie alle. Da lag ich also in der Badewanne, liess mich von David Hasselhoff, Roxette, Phil Collins und dem Lambada aus dem Wochenende treiben und tauchte unter, wenn ein Lied kam, das mir nicht gefiel. Manchmal nahm ich sogar die Flöte mit ins Wasser, die war glücklicherweise aus Plastik statt aus Holz, und gab meine Interpretation der Songs zum Besten. Ich blieb so lange in der Wanne, bis ich komplett verschrumpelt und das Wasser kalt war. Dann gab es Abendessen und es folgte der endgültige Rausschmiss aus dem Wochenende: der Tatort. Ich sah das Fadenkreuz, die grusligen Augen und dann hielt ich mir die Ohren zu, weil die Titelmelodie mich in Angst und Schrecken versetzte. Noch bevor Horst Schimanski in Grossaufnahme gezeigt wurde, war ich geflüchtet. Das war wohl der einzige Wochentag, an dem ich freiwillig um 20.18 Uhr in meinem Zimmer verschwand und lieber in meinem Polizei-Witze-Buch las.
Es regnet noch immer an diesem frühen Abend des 18. August 2024. Vielleicht sollte ich mir ein Schaumbad gönnen und mal schauen, was gerade so bei SWR3 läuft. Ich google …Shirin David ist diese Woche Nummer 1 in Deutschland, eventuell muss ich mich da im Litamin ertränken oder es wegflöten. Der Tatort von heute Abend heisst «Ein Freund, ein guter Freund», was mich wieder an Melanie denken lässt. Heute würde es mir gefallen, wenn ich wüsste, morgen um 8.20 Uhr ist Schule und ich treffe meine alte Gäääng wieder. Aber auf Frau Engel und Mathe hätte ich noch immer keine Lust.
Habt einen schönen Sonntagabend!
