Bun di amis da sulai!
Zurück aus dem Engadin haben wir ein kleines Know-How der 4. Schweizer Landessprache mit im Gepäck: Rätoromanisch. Genauer gesagt, weil wir im Unterengadin waren, ist es Rumantsch Vallader. Ich schätze, vielen von euch wird es gehen, wie mir bis vor 8 Jahren und ihr werdet euch fragen: Hä???
Aber ja, die Schweiz hat 4 offizielle Landessprachen: Deutsch, Französisch, Italienisch und Rätoromanisch (im Kanton Graubünden). Allerdings sprechen nur etwa 0,5 % der Bevölkerung in der Schweiz eine der 5 „Romantsch-Sprachen“. 1982 hat der Bund mit Rumantsch Grischun einen gemeinsamen Nenner ins Leben gerufen, der als offizielle Schriftsprache gilt und beispielsweise auch im TV und Radio gesprochen wird. Auf der Strasse werden allerdings weiterhin die Idiome Sursilvan, Sutsilvan, Surmiran, Puter und Vallader gesprochen – je nachdem, in welcher Region vom Kanton Graubünden man ist (und auch dort hat wohl jedes Dorf seinen eigenen Slang).
Das war der kleine Ausflug zu den Fakten (danke fürs Dranbleiben) bevor ich euch nun erzähle, dass wir 5 Tage Intensivkurs in dieser (wie ich es gerne nenne) Geheimsprache gemacht haben. Nein, wir wollen nicht umziehen und haben auch nicht vor, uns ein Ferienhaus im Bündnerland zu gönnen – falls jemand günstig eins abzugeben hat, sagen wir natürlich nicht nein! Also warum lernen wir diese Sprache, die wir mit keinem sprechen können und die dazu noch alles im Sprachgehirn durcheinanderwürfelt?
Im Dezember 2003, ich war gerade erst mit dem Flieger aus Missouri gelandet, stieg ich in den Zug, um mich für einen Winterjob im Skigebiet vorzustellen. Sieben Stunden Fahrt lagen vor mir und ich kannte mein Ziel nur vom Hörensagen: St. Moritz, das Sylt des Winters. Alle Saison-Insider schwärmten davon, wie schön es dort wäre, wie hipp, wie schick und vor allem, mit wie viel Geld man nach der Saison wieder heimkommen würde. Das klang vielversprechend, und da ich keine besseren Optionen hatte (und auch keine Bleibe) folgte ich der Einladung eines Hotels, mich dort vorzustellen. Ich war zum ersten Mal in meinem Erwachsenenleben in der Schweiz, an die Tripps mit Oma und Opa ins Heidiland und zu den mächtigen Bergen des Berner Oberlands konnte ich mich kaum noch erinnern. Mein Wissen über die Schweiz war minimal: kleine Schokoladentäfelchen mit Bergfotos auf dem Papier, stinkiger Käse, glockenbehangene Kühe, nicht weit weg von daheim und sie reden Deutsch, in der Gastronomie lässt sich gutes Geld verdienen, alle fahren Ski und natürlich Peter, Heidi und der Almöhi. 2003 gab es noch keine Smartphones, wo man seine Wissenslücken hätte beheben können. Ausserdem lebte ich mit 23 Jahren nach dem Motto: Reinstürzen ins Unbekannte. Womöglich hätte ich auch mit Smartphone nicht mehr über die Schweiz gewusst, was wohl auch daran lag, dass ich gerade mein Herz an die Balearen verloren hatte.
Nach vielen Stunden mit der Deutschen Bahn kam ich in Chur an, wo ich in die Rhätische Bahn umsteigen musste. Ab jetzt ging es langsam und kurvig vorwärts (zum Glück hatte ich mit 23 noch einen Magen, der in Topform war – oder besser gesagt: top trainiert dank 3-monatiger Amaretto Sour- und Cosmopolitan-Intensivkur in den USA). Die Kurven und Berge konnten mir nichts anhaben. Doch bei der 1. Durchsage traf mich der Schlag. Was sagten die da? Ich verstand kein Wort und ich war mir sicher, dass all die ch- und sch-Laute nichts mit Deutsch zu tun hatten. Und ich war schliesslich in der Schweiz, wo ALLE Deutsch reden, also was war passiert? Hatte ich mich verfahren? War ich statt in den Süden in den Osten gefahren und würde gleich in Warschau ankommen? Vor dem Fenster zogen Schneelandschaften an mir vorbei, wie ich sie nur aus dem Fernsehen kannte. Keine Ahnung, ob es in Polen schneit, aber ich war mir schon ziemlich sicher, dass das hier die Schweiz war. Aber wieso verstand ich nichts mehr?
Ein Probewochenende und 2 gepackte Koffer später kam ich zum 2. Mal in Silvaplana bei St. Moritz an, wo ich am wohl dümmsten Tag des Jahres meinen neuen Job antrat: Silvester. In einer 14-Stunden-Schicht war ich so orientierungslos wie nie zuvor. Ich kannte die Namen meiner Kollegen nicht, ich wusste nicht, was mein Job als Springerin sein sollte, ich musste die Gäste nach dem Weg zur Toilette fragen und obendrein verstand ich kein Wort. Das Deutsch klang nicht deutsch, Französisch, Englisch und Spanisch konnte keiner, Italienisch konnte dafür ich nicht und immer wieder sprachen die Leute in ihrer Geheimsprache, von der ich noch immer sicher war, sie würde aus Osteuropa stammen. Dazu kam, dass die Stammkunden an der Bar so abartige Dinge bestellten wie Herrgöttli, Kafi Lutz und Chübli. Und dem ersten alten Knacker, der sagte „Mach mir mal ne Stange“ hätte ich fast eine paniert. Dazu futterten sie furztrockenen Schinken, den ich mit der Aufschnittmaschine in dünne Scheiben schneiden musste (mit dem Kopf noch auf Ibiza dachte ich, es wäre Iberico-Schinken, aber es war wohl doch eher Bündner Trockenfleisch). Als die Sonne aufging, lag ich mit blutigen Füssen – blöd, wenn man am 1. Arbeitstag neue Schuhe trägt – im Bett und fühlte mich weiter weg von Zuhause als jemals zuvor. Noch nie war ich sprachlich und kulturell so verloren wie in diesem hintersten Eck des Landes, von dem Daheim alle sagten: Ist wie Deutschland, nur kleiner!
Es gäbe noch einiges zu berichten über meine 6 Wochen St. Moritz – länger hielt ich es nicht aus – aber das lest ihr vielleicht zu einem anderen Zeitpunkt. Heute geht es darum, dass ich 21 Jahre später doch nochmal zurückgekehrt bin ins Engadin, um diese Menschen und ihre Sprache etwas besser kennenzulernen. Es ist nie zu spät 😉! Natürlich ist St. Moritz genauso wenig die Schweiz, wie Mallorca Spanien ist. Und diese zwei Inseln haben noch etwas gemeinsam: Ihre Sprache stirbt aus. Mallorquí ist ja genauso eine Geheimsprache wie Rätoromanisch, was beides von immer weniger Menschen gesprochen wird. Übrigens: Guten Tag heisst auf Mallorca Bon dia und auf Vallader Bun di – wie geil ist das denn?
Wäre ich, wie geplant, 2016 auf Mallorca geblieben, hätte ich sicherlich Mallorquí gelernt. Zum einen, weil es mir gefallen hat und zum anderen, um mich mit den echten Mallorquinern verständigen zu können. Und jetzt lebe ich eben in der Schweiz, wo es 4 Landessprachen gibt. Schwiizerdütsch werde ich wohl nie sprechen können, aber verstehe es in fast allen Formen. Französisch ist seit der 5. Klasse mein Endgegner und ich lass mich nicht unterkriegen. Italienisch hat mich leider (genauso wie Italien) noch nie interessiert (und das, obwohl ich ständig Pizza und Pasta futtere), also wollte ich es jetzt mal mit Rätoromanisch probieren; dem Mallorqí der Alpen. Ausserdem war ich als Kind schon begeistert von Geheimsprachen, Geheimschriften und Geheimcodes und wäre gerne (nachdem ich erfahren haben, dass das mit Gerichtsmedizinerin nichts werden kann) Detektivin oder Spionin geworden. Vielleicht schreibe ich ja bald schon Spionagegeschichten auf Vallader (hochgegriffener Scherz!) Im Juli 2025 geht’s auf alle Fälle weiter mit nivel duos. Bis dahin muss ich noch etwas an meinem livel ün arbeiten 😉
In diesem Sinne: einen schönen Abend (bella saira) und herzliche Grüsse (sinceras salüds)!
Eure Steffi
Chi chi sa rumantsch sa daplü!
