Weil mir vor ein paar Wochen dieser Tischmülleimer begegnet ist und weil ich sicherlich heute vor 25 Jahren ausgelassen in den Mai getanzt bin, gibt es einen Nostalgie-Text (und weil ich auf Nostalgie stehe!).
Es war die Zeit vor den veganen Wurstbroten, vor den unklaren Pronomen und auch vor Teenagern, deren einziger Zukunftswunsch es ist, Influencer zu werden. Wir waren uncool und unwissend und allem voran unconnected. Es gab kein WLAN, wir hatten uns gerade erst an das Knacken des Modems gewöhnt. Fotos wurden mit dem Fotoapparat gemacht und dann mussten wir tagelang warten, bis sie endlich entwickelt waren. Ungefiltert, unveränderbar – ausser man hantierte mit einer Schere und schnitt weg, wen oder was man nicht auf dem Bild haben wollte. Mit ungeliebten Körperteilen und Pickeln ging das leider nicht, also blickten wir der Wahrheit ins Gesicht und lernten, damit zu leben.
Wir waren über das Festnetz verbunden, angeleint an die Telefonschnur, denn der Handytarif war zu teuer. Zehn SMS passten in den Speicher, als wir später endlich ein Nokia hatten. Ein Bild per MMS zu senden war Luxus. Einen nackten Arsch ohne Kopf zu verschicken hätte uns ein Zehntel unseres Azubi-Lohns gekostet, und wer wollte so etwas schon sehen? Und will das heute denn wirklich jemand?
Aber wir waren frei. Wir konnten uns gegenseitig ins Wasser schubsen, ohne Angst haben zu müssen, dabei ein Mobiltelefon zu killen. Auf unser Wort war Verlass, wir machten Verabredungen, manchmal schon Wochen im Voraus und erschienen dann auch tatsächlich. Ohne Rückfrage, Ankündigung „wir sind auf dem Weg“ oder zehnmaliger Verschiebung „ach, heute lieber doch nicht“. Die Gedanken waren da, wo unser Körper war, oder manchmal gefangen in Tagträumen, die durch kein Vibrieren unterbrochen wurden. Nicht gefangen im Netz, in den sozialen Medien und abgelenkt von der ganzen Welt. Wir hörten einander zu und konnten uns an das Gesagte auch danach noch erinnern. Was wir taten, blieb ungefilmt und unkommentiert. Nichts, was wir machten, passierte für Likes und Follower, sondern für uns und unsere Erinnerungen.
Und was im Dorf passierte, blieb im Dorf. Entweder du warst dabei und hast es selbst gesehen – „Alter, es war legendär“ – oder du musstest dir noch Monate später anhören, was du an genau diesem einen Abend verpasst hast.
Wir erlebten Abenteuer, die wir nicht teilen mussten mit der Welt. Dinge, die nur uns gehörten, die es nur in Erinnerungen und auf ein paar vergilbten Bildern in die Zukunft schafften. Es waren die Jahre, in denen man noch so jung ist, dass alles erlaubt ist. Ich wünschte, jemand hätte mir damals gesagt: „DAS ist die gute alte Zeit, an die du dich zurückerinnern wirst. Geniess jede Sekunde davon und sag öfter JA, wenn dein Kopf soll ich wirklich? fragt. Es gibt nichts zu verlieren, ausser Zeit – und die hat gerade begonnen zu laufen und lässt sich nicht anhalten, also gib Gas!“ Doch wir haben das Beste rausgeholt und wenn ich mich heute erinnere, muss ich grinsen über all unsere legendären und unkommentierten Storys, die nur unsere echten Freunde sehen konnten, statt unbekannte Abonnenten. Noch ein Mal die Nacht durchmachen und dennoch fit zur Arbeit kommen, noch ein Mal Saurer Apfel kotzen und am nächsten Tag trotzdem gut aussehen, das wär was …
