WanderUNlust

Beständigkeit war ja noch nie ein Wort, welches mich beschrieben hätte. Darum gehe ich nicht davon aus, dass hier jemand erwartet hat, dass auf meine Ankündigung vom 11. Juni 2022 tatsächlich auch regelmässige Blog-Beiträge folgen würden. Oder etwa doch? Sorry-for-the-disappointment.

Aber was soll ich erzählen? Früher war mein Leben einfach spannender – was nicht zu verwechseln ist mit besser. Im Gegenteil. Ich war eigentlich immer nur auf der Durchreise. Auf der Überholspur in meinem eigenen Leben. Zaungast im Leben der Anderen. Noch immer fragen die Leute Dinge wie „wo bist du gerade?“, wenn sie nach längerer Zeit etwas von mir hören. Wo soll ich denn sein? Da, wo ich seit bald 7 Jahren bin. Ich bewege mich in meinem 30-Kilometer-Radius zwischen Büro, Klubschule, Home-Office und Fitnessstudio. Sitze auf dem Alltags-Karussell, wie ihr es schon seit Jahrzehnten macht. Ich habe jetzt auch Platz genommen. Es ruckelt hin und wieder noch etwas, da mein Geist das langsame Tempo nicht so annehmen will, wie mein Körper es doch schon seit den Neunzigern nötig hätte.

Und dann kommen die Momente, in denen ich aufbreche. In denen ich den Koffer packe, um etwas zu erleben. Ferien, wie das normale Menschen eben tun. Mein Körper hasst es und macht mir deutlich klar: Ich möchte lieber hierbleiben! Ja, mein Körper hat die Nase voll vom Aufbruch. Selbst den Aufbruch ins Büro findet er so anstrengend, dass er mich mit Herzrasen und Übelkeit belästigt, damit ich bloss bald wieder heimkomme. Ich quäle mich 30 Kilometer über die Autobahn und frage mich, wie ich es so oft nach Barcelona zum Fährhafen schaffen konnte in der Vergangenheit. Ich quäle mich um 7 Uhr aus dem Bett und frage mich, wie ich so oft Frühdienst machen konnte in der Vergangenheit. Ich lege mich nach dem Sport erschöpft aufs Sofa und frage mich, wie ich so viele Abende auf fremden Partys verbringen konnte in der Vergangenheit.

„Du bist eben keine 20 mehr“, werden jetzt viele denken (I know). Aber ist es das? Das Alter? Ist es nicht viel eher die Erlebnismüdigkeit? Die Erschöpfung der vielen Abbrüche und Aufbrüche? Die Ermüdung, auf fremden Sofas Zwischen-zu-Schlafen, bis sich wieder eine geeignete Wohnmöglichkeit auftut? Die ständige Sorge um Geld, Zukunft und unerwünschte Überraschungen? Das fortwährende Packen und Umpacken, aber niemals Auspacken? Ist es das Alter oder vielleicht doch die Übersättigung meines Verstandes, der noch immer am Aufholen ist? Die Emotionen, die nachgelebt werden müssen, weil damals keine Zeit dafür war? Wieso träume ich heute noch von meinem Ausbildungsbetrieb, den ich quasi über Nacht verlassen habe (und hasse noch immer meinen ehemaligen Chef, der uns behandelt hat, als wären wir keine Menschen)? Wieso hängt an Liedern, Geräuschen und Gerüchen so viel Erinnerung, die mich zurück auf die Überholspur zieht? Der Geist sehnt sich nach der Unbeständigkeit, doch der Körper schaut Serien bei Netflix, weil er ab Staffel 2 das Gefühl hat angekommen zu sein? Sicher zu sein? Gibt es einen Ort, der sicherer ist als das eigene Sofa? Die grosse Philosophin Myriam S. würde hier ganz klar Nein sagen und nach der Fernbedienung greifen 😉

Ich bin gemacht, um zu bleiben. Das war ich vielleicht schon immer, doch war ich an den falschen Orten oder dachte, an den falschen Orten zu sein (oder die Orte waren zu teuer – wer kann sich schon ein Leben in München leisten?). Ich war wohl nie eine Weltenbummlerin, nie eine Abenteurerin und schon gar nicht hatte ich Wanderlust im Blut. Genauer gesagt bin ich sogar eine ziemlich unlustige Wanderin. Ich finde Wandern kacke. Egal ob über Berge oder Grenzen. Daheim ist es doch am schönsten – und auf dem eigenen Sofa am bequemsten. Dennoch wage ich mich ab und zu vor die Tür, in meinen 30-Kilometer-Radius, und manchmal sogar noch weiter. Aber nur, weil ich weiss, dass ich immer zurückkommen kann. Dass Zuhause mein Streaming-Login, mein Kopfkissen und meine Kaffeetasse auf mich warten. Also womöglich ist Beständigkeit doch ein Wort, was mich beschreiben kann. Und mit etwas Glück bin ich so beständig, dass ich wieder mehr schreiben werde (denn langsam habe ich auch alle Serien gesehen). In diesem Sinne, bis (möglicherweise) bald schon wieder.

Steffi

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