Draußen nur Kännchen

Ich unterbreche meine Schreibflaute, um euch endlich wieder Hallo zu sagen. Der Blog war in einem verlängerten Schlummermodus und ich hoffe, dass ich jetzt keine Fakenews verbreite, wenn ich euch verkünde: Ich gelobe Besserung.

Draußen plätschert das Bergbächlein, die ersten mutigen Vögel zwitschern gegen die Morgenkälte an und ich glaube, ich höre Regen auf die Blätter der Bäume prasseln (es könnte aber auch der Bach sein, das ist durch meinen vernebelten Blick durch das Fliegengitter schwer zu erkennen). Ich bin in der Fast-Heimat, dem Schwarzwald. Alles erinnert mich hier an die Kindheit, auch wenn ich mir nicht sicher bin, ob ich als Kind wirklich so oft in den Schwarzwald gekarrt und zum Wandern getrieben wurde, wie ich glaube, mich zu erinnern. Ich schätze eher nicht, denn ich war schon immer fernsehsüchtig und wenn sie mich nicht weggetragen oder bestochen haben, blieb ich tagelang auf dem Boden vor der Glotzkiste sitzen. Sicherlich ist es eine Erinnerung an die Schwarzwaldklinik, die, nach 35 Jahren nun zu meiner eigenen verschwommen ist. Die idyllischen Ausflüge der Familie Dr. Brinkmann begleitet von der kleinen Steffi. In meinem Kopf sind viele solcher Erinnerungs-Adoptionen und manchmal frage ich mich, was von meinem coolen Leben wirklich existiert hat und was ein Plagiat ist, das sich meine Hirnzellen zu eigen gemacht haben.

Wie es sich im Schwarzwald gehört, sind wir beim besten Konditor in Town eingekehrt, um Schwarzwälder Kirschtorte zu essen. Und hier überkam mich dann ein realer Erinnerungs-Flash. Ich ging durch die Glasschiebetür und wurde nach 1989 gebeamt. Etwa so, wie in der Mini-Playback-Show, wenn das helle Licht die Zauberkugel durchströmte. Nein, die Konditorei war nicht oldschool oder gar ranzig. Alles blitzeblank und in den 2020ern angekommen. Aber was sich hinter den Scheiben zeigte, all die Kuchen, Gebäcke, Pralinen … und dazu der Geruch nach Schokolade … eine Erinnerungsexplosion. In Folie verpackte Oster-Leckerreien. Grasnester mit Zuckereiern, Schokoladenhasen und diese kleinen Küken mit der weißen klebrigen Füllung (Was ist das eigentlich? Sas, du mit deinen Bäckerkräften kannst mir das sicher beantworten). Und natürlich dieses ovale Teil aus Zucker und Schokoladenboden, das aussieht, wie ein Spiegelei – ihr wisst alle, was ich meine, und bis auf meine Mama kenne ich niemanden, der das gerne isst. Ich stand im Paradies meines 9-jährigens Ichs.


Wir bekamen unser Zettelchen für die Kuchenbestellung und gingen nach hinten durch, ins Café. 16 Uhr ist wohl die Uhrzeit, in der hier jeder seine Kirschtorte vernascht, denn der Großteil der Plätze war belegt. Badisches Gemurmel zog durch den Raum, untermalt von exakt dem Duft, der in einem solchen Café, mit seinen schweren, stoffbezogenen Stühlen und massiven, lackierten Holztischen sein muss. Es roch nach Kölnischwasser, nach Franzbranntwein, nach den gestärkten Rüschen-Schürzchen der Bedienungen, nach schwarzem Kaffee, heisser Schokolade mit Sahne und Inkontinenz. Es roch nach Gemütlichkeit, nach Heimat, nach Beisammensein mit seinen Liebsten, nach dem Ausführen von Oma und Opa an einem ganz normalen Wochentag. Es roch nach 1989. Und wäre all das nicht bereits die perfekte Zeitreisekulisse, sehe ich in der Karte „Kännchen Kaffee“ stehen und bin endgültig in der Vergangenheit angekommen. Ich denke zurück an die Cafés in unserem Kääähl, wo ich herkomme. An die badische Ruppigkeit der Bedienungen „draußen nur Kännchen!“ Und an die kleine Steffi, die, wenn alle genüsslich in ihre Torte bissen lieber Wienerle mit Senf und Brot bestellte – ich war schon immer ein Gourmet.

Und am Abend reisten wir dann, in einer Wirtschaft (nein liebe Lektoren und Wortklugscheißer, es war kein Restaurant und auch keine Gaststätte, sondern eine gut bürgerliche, badische Wirtschaft) ein paar Jahre nach vorne in der Vergangenheit. Ich schätze, es war 1994. Schummeriges Licht, so viel Holz, dass in wenigen Sekunden alles abbrennen würde, falls man die Kerze auf dem Tisch beim Spielen mit dem Wachs umstößt und Bedienungen in zu engen Dirndl und orthopädischen Sandalen. Der Stammtisch füllte sich – „noooobe zsamme“ – und am Tisch neben uns spielten 3 Männer wortlos Karten. Doch das ist die Geschichte für ein anderes Mal, denn jetzt wartet das Frühstück und ich muss mich beeilen, um noch was vom Schwarzwälder Schinken zu ergattern, bevor mir die echten Touristen alles wegfressen.

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