Happy Birthday to ME

Ich dachte immer, mit 40 wäre mein Kopf erwachsen. In meiner Vorstellung waren Vierzigjährige ernsthaft, vernünftig und vor allem mitten in einem geordneten Leben. In der Lebensmitte hat man seinen Platz gefunden, trägt den Haarschnitt, der einem am besten steht und auch der Kleiderstil passt zum Nichtmehrjugendlichsein.

Von außen mag es manchmal noch chaotisch wirken doch für meine Verhältnisse herrscht sehr viel Ordnung. Ich wohne seit drei Jahren am gleichen Ort (das gab es noch nicht oft) und habe einen Menschen gefunden, der es mit mir aushält, was bestimmt nicht einfach ist, und vor allem mit dem auch ich es sehr gerne aushalte 🙂 Ich habe in den 90ern immer zwei Dinge verkündet: 1) Ich gehe mal weg von Hier und 2) Ich will keine Kinder. An beides habe ich mich gehalten und bin froh, dass ich damals schon meinen perfekten Lebensplan gefunden hatte. Was ich nicht wissen konnte ist, wie schön es sein kann immer wieder zurück nach Hause zu kommen, wo an jeder Ecke unbeschwerte Erinnerungen schlummern.

Ich bin jetzt wohl endgültig erwachsen, quasi schon auf dem Weg ins Altersheim. Doch der Großteil meiner Freunde und Kollegen sind in den Zwanzigern und ich quatsche eine Menge albernes Zeug, wie früher nach dem dritten Jacky, wo sich dann manche Fragen ob das mein Ernst sein kann. In den Zwanzigern wäre mir das, und vieles mehr, peinlich gewesen. Da wollte ich doch Erwachsen wirken. Heute habe ich mich damit angefreundet, dass meine Frisur seit dem Wachsen meiner Haare 1982 eine Katastrophe ist. Statt Blusen und High-Heels stecke ich in Jeans und Reeboks. Ich hätte gerne mal wieder ein Neckholder-Top, aber das ist Anfang der 2000er ausgestorben. Außerdem muss ich mich auch schwer zurückhalten, mir kein Body-Glitter aufzuschmieren und mein Gesicht mit geglätteten Strähnchen, am besten mehrfarbig, einzurahmen, wie es um die Jahrtausendwende der große Trend war. Wie damals ist auch jetzt wieder bauchfrei in aber das ließ sich 2001 doch besser tragen als jetzt – schließlich stecken 40 Jahre Pasta und Pizza in diesem Bauch. Zudem sah es mit einer Hüfthose verdammt nochmal besser aus als mit diesen High-Waist-Fettarsch-Hosen. Da war dann auch noch Platz für das Bauchkettchen, für die, die sich noch nicht so sicher waren, ob es ein Arschgeweih oder ein Bauchnabelpiercing sein soll. Meine Augenbrauen können leider auch nicht mit den dicken zick-zack-Balken mithalten, die jedes Instagram-Gesicht schmücken, denn in meinen wilden Jahren lebte man am Augenbrauen-Minimum-Limit. Mehr als ein dünner Strich durfte es nicht sein und auch wenn alle unnötigen Haare unterhalb der Schädeldecke nachwachsen, die Augenbrauen tun es nicht. Zudem war man, seit ich denken kann, das Gespött, wenn der Arsch größer war als der Kopf – die Dimensionen haben sich geändert.

So müssen sich unsere Eltern gefühlt haben, als die 80er Dauerwelle aus der Mode kam und das Glätteisen der Verkaufsschlager wurde. Als ich zum ersten Mal in zeltartigen Techno-Schlaghosen, einem Oberteil, dass nur aus einer Vorderseite und einer Schnur am Rücken bestand und Plateau-Turnschuhen das Haus verließ hat sich meine Mama sicher bis zum Erdkern fremdgeschämt. Das Millennium und alles drumherum war eine verrückte Zeit und bis auf die rote Schlaghose in einer Kiste im Keller, alten Tagebüchern (mit sehr fragwürdigen Einträgen) und Fotos, die es Gott sei Dank niemals ins Internet geschafft haben, ist uns nichts geblieben. Doch, die Erinnerung. Bei jedem Lied, auf dass meine Mädels und ich damals unsere kleinen Ärsche geschwungen haben, kommen die Erinnerungen. Und sie schmecken bittersweet, denn unsere Zeit ist vorbei und hätten wir es damals gewusst, dass diese Momente so wertvoll waren, hätten wir es bestimmt noch mehr genossen. Aber es war selbstverständlich, das auf jede Samstagnacht eine neue folgte. Wann hat das aufgehört? Irgendwann war da unsere letzte durchtanzte Nacht, ohne dass wir es wussten. Ohne dass wir sie feiern konnten, wie sie es verdient hätte.

Jetzt rede ich wie eine Vierzigjährige denkt ihr bestimmt – und ja verdammt, es ist so. Neben all dem Blödsinn ist auch der Schwermut in meinem Kopf. Wie gerne würde ich noch einen letzten Abend im „Zentrum der Nacht“ (ihr Tekker wisst was ich meine) verbringen. Die HipHop-Runde mit Be Faithful von Fatman Scoop einläuten (hat jemals einer verstanden, was der da ins Mikrofon geschrien hat?), die Hände lässig zum Himmel reißen und mit Sabrina tanzen bis die Sonne aufgeht. Ohne dass uns dabei jemand filmt, fotografiert und es postet. Ohne dass jemand am Tanzflächenrand steht und auf sein Handy glotzt, nein sie schauen auf unsere Mädchen-Ärsche weil der Neon-Tanga aus der Hüft-Hose blitzt. Ohne dass wir unseren Standort angeben müssen. Es gab keine Beweise, keine Verlinkungen und man hatte nach einer versoffenen Nacht nicht plötzlich 20 neue Social Media Freunde, deren Gesichter man nicht zuordnen konnte.

Noch einmal mit Sabrina eine „OM-Post“ verschicken, der Nachfolger von Flirt-Telefonen, der Vorgänger von Tinder. Noch einmal mit Tanja, Martin und André morgens um fünf die legendäre Effi-Tomatensauce kochen, bevor wir todmüde ins Bett fallen, um bis zum Mittag zu schlafen. Noch einmal im Bikinioberteil bei der Schaumparty auf der Tanzfläche stehen und bei Sonnenaufgang die Nacht im Tankstellen-Bistro beenden (lasst uns mal wieder shellen gehen). Noch einmal mit Tanja kreischend Autobahn fahren oder mit Miri, Inka und Sas Horrorfilme schauen und Musicals nachsingen.

Ich bin froh, bin ich jetzt Vierzig, denn ich habe es geschafft ohne Handy, im Real-Life, aufzuwachsen. Hätten sich meine Eltern nur ein paar Jahre mehr Zeit mit mir gelassen hätte ich nie neben dem Telefon sitzen und stundenlang auf einen Anruf von Dom warten können. „Telefonier‘ nicht so viel die letzte Rechnung war 80 Mark“. Heute, mit all den Flat-Rates (und dem Euro) undenkbar. Aber nun stellt euch mal vor, dass man seine Gespräche, allen Ohren ausgeliefert, im Wohnzimmer führen musste. Da war eine Schnur am Telefon, wie eine Hundeleine, und auf „jetzt mal alle raus das ist ein Geheimnis“ hat keiner gehört. Sollte es also wirklich mal privat sein ging man besser zum Rathaus, wo eine Telefonzelle stand oder wir trafen uns einfach. So in Echt, nicht im WhatsApp-Gruppenchat. Wir verabredeten eine Uhrzeit und einen Treffpunkt und jeder war da. Kam einer nicht, erfuhr man eben erst am nächsten Tag in der Schule das Warum. Und heute erwische ich mich dabei, wie ich so schwachsinnige Nachrichten verschicke wie: „Stehe gerade an der Ampel, bin in zwei Minuten da“.

Im Sommer war es unser tägliches Highlight an den Baggersee zu radeln oder im Nachbarort beim Edeka ein Eis und die neue Ausgabe der Bravo zu kaufen. Unsere Kindheit war perfekt, in einem Ort ohne alles und ohne Hochdeutsch. Inka, Miri, Sas und ich – Tag und Nacht waren wir zusammen. Wisst ihr noch, die Nächte im Hobbyraum mit Asbach-Cola und Freddy Krüger? Klar wisst ihr es, eine von uns traut sich heute noch nicht allein aufs Klo 🙂 Wir redeten wie uns der Schnabel gewachsen war, badeten im Bach und sprangen von der Schaukel auf dem Spielplatz. Bis dabei Miris Schlüsselbein und mein Arm brachen. Wenn es uns zu langweilig wurde fuhren mir mit dem „Bus um zwei“ in die Stadt, Tina stieg nach zwei Stationen dazu und wir gingen ins Kaufhaus Schneider. Ein paar Jahre später lernten wir dann Damien kennen. Er brachte uns ein Stück Amerika ins Dorf, denn ab dann spielten wir Baseball auf dem Sportplatz. An den Wochenenden fuhren wir mit dem Rad in die Musikbox, um beim Karaoke alles zu geben oder einfach nur Billiard und Dart zu spielen und Herrmännle zu trinken. Und schon bald machten wir, alle zusammen, den Führerschein um auszufliegen.

Froh bin ich auch um jede handyfreie Zehn-Uhr-Pause in der Schule, in der wir unseren heimlich eingeschleusten Ghettoblaster angestellt haben und zu Mr. Vain tanzten bis Herr Gasch mit dem Erdkundebuch die Party crashte. Vielleicht weiß ich deshalb bis heute nicht wo die Azoren liegen aber dank Smartphone kann ich es ja jederzeit googeln.

„Ruf an, wenn du angekommen bist“, haben meine Eltern gesagt, als wir mit dem Bus zur Loveparade fuhren. One world, one future – aber auf den Dächern der Telefonzellen saßen Marusha-Mädchen mit lila Lippenstift während Typen mit hochgezwirbelten blondierten Igel-Strähnchen gerade über den Hörer pissten. „Ey DJ, halt mal an ich muss aufs Klo“, schrie einer quer durch den Bus, als wir gerade bei Freiburg auf die Autobahn abgebogen waren und noch zig hundert Kilometer (Herr Gasch wüsste jetzt wieviel es genau sind) bis Berlin vor uns hatten. Die Antwort des Busfahrers (aka DJ) war emotionslos, „Toilette ist abgeschlossen nimm den Eimer oder warte bis zur ersten Pause in drei Stunden“. Wollt ihr wissen was er gemacht hat…?

Heutzutage gibt es ja quasi alles und das überall (ok in der Schweiz fehlen mir noch ein paar Sachen aber jetzt wo die Grenzen bald wieder offen sind kann ich meine Lieblingschips massenweise über die Grenze fahren – danke Alex!). Um die Jahrtausendwende war das nicht so. Sas und ich wollten unbedingt mal zum Burger King. Mc hatte es längst in unser Städtchen geschafft, wo wir oft vor und nach dem Tanzen hinfuhren – ja in den 20ern konnte man zweimal täglich ein Mc Menü Essen und trotzdem noch bauchfrei gehen. Der King war allerdings noch weit entfernt und so fuhren wir auf gut Glück, eines morgens um vier, nach Köln – der weiteste Weg, den ich jemals für einen Cheeseburger auf mich genommen habe aber sie waren lecker…alle vier 😉 Mit einem Modem machte das Surfen im Internet einfach wenig Spaß und es gab auch noch kein Google (dafür aber Napster – nächtelang habe ich genapstern, um am Morgen dann eine CD mit fünf Liedern zu brennen). Sonst hätten wir vielleicht rausgefunden, dass der nächste King gar nicht eine Weltreise weit entfernt lag. Außerdem hätten Tanja und ich so vielleicht vor unserer 14-Stunden-Wochenendticket-Zugfahrt (das „Schöne Wochenende“-Ticket ermöglichte uns für 19 Mark von Offenburg nach Sylt zu fahren, so konnten sogar wir Azubis uns Urlaub leisten) erfahren, dass wir einen Platz auf dem Rentner-FKK-Camping gebucht hatten. Wir betäubten uns mit Friesengeist (dem Friesen zur Ehr vom Friesengeist mehr) und fuhren sechs Tage später mit dem Sonnenbrand unseres Lebens wieder nach Hause.

Übrigens gab es, noch bevor es Facebook gab, schon visit-effi. Wisst ihr`s noch? Das Gästebuch war unsere Pinnwand und der Chat ist in so mancher Nacht schier explodiert (an dieser Stelle nochmal Danke an Dom, der mir so geduldig erklärt hat, wie ich mir eine eigene Internetseite basteln kann)  – ich wünschte ich hätte mir alles ausgedruckt bevor es in den unendlichen Weiten des www verschwunden ist. Aber hier eine letzte Erinnerung:

Verdammt es war eine geile Zeit – danke, dass ich ein Kind der 80er sein durfte. Und jetzt ist eine andere geile Zeit (darf ich als offiziell und endgültig Erwachsene überhaupt noch geil sagen?) und auch an die werde ich irgendwann, vielleicht dann bei meinem Beitrag zum 80. Geburtstag, gerne zurückdenken. Viele meiner Freunde von damals gibt es noch immer in meinem Leben. Nichtmehr so regelmäßig, nicht mehr tanzend, schaukelnd und wir liegen auch definitiv früher im Bett als damals aber dennoch sind die Freundschaften geblieben.

Ich bin dankbar für jeden einzelnen von euch!

Bei euch brauchts keine Erklärungen. Ihr kennt mich, wie kaum ein anderer und wenn ich Anrufe und Dinge sage wie „Lust auf Fantakuchen?“/ „gibt’s das noch in anderen Dimensionen?“/ „Guschdl“ / „ich geh jetzt heim“ / „Freestyle-Runde“ / „Elmoooo“ / „schon oder schon?“ / „Rhabarberkuchen“ / „Miami“ … wisst ihr genau was ich meine und wir lachen zusammen, als wäre noch immer Neunzehnhundert-Irgendwas.

6 Gedanken zu “Happy Birthday to ME

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