Loslassen von etwas Großem

Gerade bin ich, zum dritten Mal in nur drei Wochen, Bus gefahren. Der Schweizer sagt dazu übrigens Postauto, was in meinem Hirn direkt den romantischen Gedanken an eine Postkutsche auslöst. Leider ist es aber eben doch nur ein Bus, der irgendwie viel zu rasant über viel zu schmale Straßen schießt und mich dazu bringt Stoßgebete zum Himmel zu schicken. Merkwürdigerweise wird mir aber im Bus nicht mehr übel (schnell Holz anfassen, damit das so bleibt). Wenn ich an meine letzten Buseskapaden denke, die jetzt schon bald vier Jahre zurück liegen, werde ich heute noch ganz grün im Gesicht. Vielleicht kam die Übelkeit ja daher, dass, von uns aus gesehen, in Neuseeland alles auf dem Kopf steht. Das wäre doch eine logische Schlussfolgerung dafür, woher der Brechreiz, in jedem Verkehrsmittel, dort kam.  Dennoch vermisse ich die lustigen Seniorenbusfahrer, nicht nur, weil ihr Fahrstil um einiges entspannter war, nein, auch wegen ihrer Freundlichkeit und dem Entertainment für das sie sorgten. Mein Lieblingsbusfahrer auf der Strecke Arrowtown- Queenstown hatte immer einen Strohhut auf, fragte beim Losfahren ob die Temperatur so für alle angenehm sei und dann stellte er das Radio an und trällerte uns fröhlich was vor. Auch wenn ich oft dachte, ich müsse den Nothalt drücken um mich meines Essens zu entledigen, so war das doch immer ein harmonisch-romantisches Erlebnis, eben so, wie ich es mir in einer Postkutsche vorstellen würde. Aber eigentlich wollte ich heute ein ganz anders Thema mit euch teilen: das Loslassen.

Vieles, was ich gut kann, kann ich auch irgendwie überhaupt nicht. Klingt komisch? Ist aber so 😉

Loslassen ist so etwas. Auf der einen Seite musste ich schon so vieles loslassen, Menschen, Orte, Jobs, Wohnungen, Zähne (und als Folge daraus Geld), dass ich darin sowas wie Routine entwickelt habe. Hauptsache ich kann die großen Abschiedsszenarien überspringen, denn Abschiede kann ich nicht leiden. Zu viel Drama steckt in einem „Lebewohl bis ich weiß nicht wann“. Wirklich los lässt es mich aber nicht, ich bin ein in-der-Vergangenheit-Schweifer, auch das ist keine Neuigkeit für euch. Kein Tag ohne Flashbacks in vergangene Zeiten (siehe oben, haha), zu anderen Orten oder ein altes Gesicht das, ohne Ankündigung, meine Gedanken kreuzt. Wenn ihr wüsstet, wie oft ich an euch denke, würden euch die Ohren klingeln, auch wenn ich Geburtstage vergesse oder oft tagelang nicht auf Nachrichten antworte.

Seit einem Jahr bin ich mit einem neuen Loslassen konfrontiert. Aber ich klammere mich fest, sage mir immer „lass mich doch nur noch ein bisschen, bitte“. Viele von euch kennen mich mit meiner Pumpstange in der Hand (jetzt aber nicht zu verwechseln mit der Pumpgun). Ich bin mir sicher, dass ich damit aber auch schon einige ausgeschaltet habe, zumindest was das Treppensteigen der darauffolgenden drei Tage betrifft 😉 Also ich rede hier vom Sport, genauer gesagt von der Langhantelstange, für die, die gerade nicht mitkommen worum es geht.

Es war 2006, da hatte ich zum ersten Mal die Hantelstange zwischen meinen Händen und dachte mir „was soll der Scheiß?“. Ich konnte mir nicht vorstellen, dass mir sowas Spaß machen könnte, bin ich doch eher der Hüpfer, Tänzer oder mit-Pizza-auf-dem-Sofa-Lieger (ich lasse mich übrigens nicht gendern und nehme, obwohl weiblich, für mich gerne mal männliche Schreibweisen – Pech für den, der sich daran stört). Meine Freundin hatte mich überzeugt, mit ihr ins Bodypump zu gehen, im Gegenzug kam sie mit mir zum Tanzen ins Jam. Ein fairer Deal, und zudem, versucht mal einem zarten, blonden Geschöpf, dass euch regelmäßig mit Pizzabrötchen versorgt, etwas ab zu schlagen.

Da stand ich also, im Mittelfeld, die Ärsche vor mir beobachtend und wissend, dass mein Arsch im Blickfeld der hinteren Reihen war. Wie eine kleine Armee reihten wir uns auf, und warteten auf den Startschuss. Die 55 Minuten waren qualvoll, verwirrend, schmerzhaft und ich bereute es, nicht näher bei der Tür zu stehen, durch die ich mich hätte abseilen können. Die darauffolgenden Tage musste ich mich von oben auf die Klobrille fallen lassen, denn normales Hinsitzen ging nicht mehr, und das Bett konnte ich nur per Rolle über die Seite verlassen. Meine Beine gehörten nicht mehr zu meinem Kontrollbereich, es war als hätte sie jemand in Beton gegossen.

„Es wird besser, wenn du das öfter machst“, habe ich mich dazu verleiten lassen, es dennoch wieder zu tun. Eigentlich wurde es nicht besser, aber es begann mir Spaß zu machen, und so blieb ich dran. Nach ein paar Wochen wurde es tatsächlich erträglich. Der Muskelkater fühlte sich nicht mehr an als würde mir jemand das Bein abreißen, ein Gefühl des Fortschritts.

Aus Qual wurde Leidenschaft und so war meine große Liebe geboren. Egal wo ich war, wenn ich mal wieder umzog oder ein paar Monate unterwegs war, ich besuchte jede mir mögliche Pumpstunde. Ob nun Englisch, Spanisch, Bayrisch oder was auch immer gesprochen wurde war egal, ich war dabei. Wenn ich mir nicht sicher war, ob es ein Studio mit Les Mills Kursen gab, nahm ich, ging es längere Zeit fort, einfach meine eigene Stange mit und pumpte z.B. auf der mallorquinischen Dachterrasse glücklich vor mich hin.

2011 machte ich die Ausbildung und wurde selbst Pump-Trainerin. Eine wirklich tolle Zeit begann. Ich habe in vielen verschiedenen Studios Stunden gegeben, habe dadurch tolle Leute kennengelernt, bei spannenden Events teilgenommen und hatte unglaublich viel Spaß. Egal wohin ich kam, der Sport war für mich immer der Türöffner, um neue Menschen kennen zu lernen und mich schnell irgendwo daheim zu fühlen. 2015 ging dann die Reise nach Neuseeland, was ich tatsächlich auch nur durch Les Mills aufm Schirm hatte. Klar wusste ich, dass irgendwo ein Neuseeland existiert aber ich hätte jetzt nicht den Drang verspürt für „etwas Natur“ so weit zu fliegen. Durch „the Tribe“, die Les Mills-Gemeinschaft, hatte ich aber immer wieder Berührungspunkte mit dem Land und den sympathischen Menschen dort und als die Frage im Reisebüro im Herbst 2015 lautete „wenn Sie drei Monate Zeit haben, wie wäre es dann mit Neuseeland“ war das „JA“ ausgesprochen, noch bevor ich meinen Kontostand überdenken konnte. So kam es, dass ich ins Geburtsland von „meinem“ Bodypump flog, wo ich mit über hundert anderen Freaks im Studio One, quasi der Les Mills Zentrale, pumpte und tanzte. Und das mit den Großen, nämlich den Programmdirektoren, die mir von den Lernvideos schon alle so vertraut waren, als wären sie alte Bekannte.

Diese Beziehung, die Pump und ich führen, geht nun also schon 13 Jahre und konnte jede Distanz überwinden. So lange hat bisher keine Beziehung gehalten, es muss also wahre Liebe sein 😀

Was erzähle ich euch hier eigentlich? Nun, es ging ja um das Loslassen. Vergangene Woche habe ich, nach einer Pause, wieder eine Stunde gegeben. Nachdem mein Arzt im letzten Jahr ein paar Bilder meines Rückens geknipst hatte riet er mir dazu, diese Beziehung zu beenden. Ich habe es, so gut es ging, reduziert, aber beenden konnte ich es beim besten Willen (noch) nicht. Wer hört schon gerne: „Trenn dich, diese Beziehung schadet dir“?.

Nun, schon beim Hochheben der Hantelstange bemerkte ich, dass der Rücken darauf kein Bock hatte, ganz zu schweigen vom Kopf, der sofort zu pochen begann. Ich war brav und habe wenig Gewicht genommen, aber auch wenig Gift kann tödlich sein. Schweren Herzen muss ich wohl einsehen, dass ich meine große Leidenschaft allmählig loslassen muss. Es ist nicht nur ein Sport, sondern es hängen einfach sehr viele schöne Momente damit zusammen, tolle Erinnerungen, großartige Begegnungen und neue Freundschaften, die daraus entstanden sind. Aber der Körper ist der Boss, das muss ich immer wieder lernen, und wenn der sagt „Schluss jetzt“ muss es wohl sein.

Also, Les Mills Bodypump, du meine große, treue Liebe, unser Ende ist gekommen. Ich danke dir für 13 wunderbare Jahre und verspreche dir, ich werde dich ab und an noch besuchen, aber unsere wilden Tage sind vorbei 😦

Ich passe meine Hobbies nun wohl meinem (fortgeschrittene) Alter an und werde Lesen, Kochen oder Bus- und Bahnfahren 😉

4 Gedanken zu “Loslassen von etwas Großem

  1. Herrlicher Beitrag. Ich hasse auch Abschiede und loslassen, so kann ich dich gut verstehen…. ich hoffe du kommst auch mit den neuen Hobbys zurecht 🤗
    Btw: das waren glaub ich die ersten Bilder die ich von dir sehe 😉

    Gefällt 1 Person

    1. Ich freue mich immer wenn ich in der Leserstatistik „Israel“ sehe 🙂 Stimmt, bisher habe ich nur selten mal ein Foto eingestellt, aber hier musste man einfach meine Liebe im Lächeln erkennen 😀 Statt dem Sport kann ich mich jetzt noch mehr dem Schreiben widmen, hat ja auch was. Liebe Grüße Steffi

      Liken

  2. Ich muss grad weinen…! So traurig und ich versteh es nur zu gut. Dazu gibt es einen schönen Spruch der passender für Pump gar nicht sein könnte:
    Loslassen kostet weniger Kraft als festhalten. Und dennoch ist es schwerer.

    Gefällt 1 Person

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