Umwege


Es läuft ja nicht immer alles so, wie wir es uns wünschen. Mal wird man bei einer Gruppenarbeit angezickt und würde am liebsten den Tisch in zwei schlagen (um die Gruppe los zu werden), das frisch beschmierte Toast fällt einem aus der Hand und landet (natürlich) mit der leckeren Seite nach unten auf dem Boden, den man gleich noch saugen wollte. Oder man rennt täglich hoffnungsvoll zum Briefkasten, um dann, am heiligen Samstag, eine Absage raus zu fischen (Ihr Schweine! Absagen verschickt man immer so, dass sie am Montag ankommen, merkt euch das!)

1996 habe ich mich für ein High-School-Jahr in den USA beworben. Ich durfte zum Vorstellungsgespräch fahren, doch dort habe ich wohl die falschen Dinge genannt, die ich aus einem brennenden Haus retten würde, und so wurde meine Bewerbung auf ein Stipendium abgelehnt. Im Nachhinein war es egal, denn ich war trotzdem längere Zeit in den USA und das sogar ohne mich mit einer fremden Gastfamilie rumschlagen zu müssen. Wenn was passieren soll, dann passiert es schon irgendwie. Vielleicht auf Umwegen, vielleicht ist aber eben genau dieser Umweg dann der richtige Weg.

Den ganzen Januar habe ich an meiner Bewerbung für das Literaturinstitut der Hochschule der Künste Bern rumgebastelt. Ein originelles Motivationsschreiben verfasst, warum ich, auch ohne Abitur, einen Studienplatz erhalten sollte, ein nettes Passbild aufgeklebt, den CV etwas ent-chaotisiert und dann natürlich noch für die Jury das Bewerbungsdossier und Schreibproben, gefühlte hundertmal, gedruckt und in Mappen gebunden. Hätte ich mir einmal im Kunstunterricht so viel Mühe gegeben wie hiermit, dann hätte ich vielleicht zumindest ein Kunstabitur geschafft. Ach und vergessen wir mal nicht, dass das Bewerben bei der Elite Geld kostet. „Ihr Dossier wird gesichtet, sobald die Zahlung von 250 Franken auf unserem Konto eingegangen ist“. Dann gab es diesen Winter eben keine neuen Reifen, man muss ja Prioritäten setzen. Die Chance, einen der begehrten Studienplätze zu bekommen liegt unter 10%, was nicht gerade viel ist. Dennoch war ich positiv gestimmt, ich hoffte einfach auf den „Seniorenbonus“, denn seien wir mal ehrlich, in jeder Kunst-Klasse braucht es doch eine durchgeknallte Alte für das Künstler-Feeling. Ich hätte mich für diesen Job geopfert, mir sogar noch die Haare rot gefärbt und ne Katze an der Leine mitgenommen in den Unterricht.

Kommende Woche finden die Aufnahmegespräche statt, für die, die RTL und Pro7 schauen: der Recall. Ich wartete also jeden Tag am Briefkasten auf meine Einladung, noch immer positiv eingestellt (angeblich beeinflussen positive Gedanken ja die Dinge). Schwachsinn! Nichts wurde beeinflusst. Am Samstag kam die Absage, ohne Nennung der Gründe (die werden prinzipiell nicht genannt – wäre das für 250 Franken nicht das Mindeste?). Ich könnte es nochmal positiv betrachten und mir sagen „hey von 150 nehmen sie 10-15, die Chance war gering“ oder „vielleicht lag es ja doch am Lebenslauf oder am Foto (zu wenig Haut?)“.

Mein erster Gedanke war aber schon eher „warum hat mir keiner gesagt, dass ich scheisse schreibe?“. Ok, dass das, was ich raushaue keine hohe Kunst der Literatur ist weiß ich ja selbst. Und dass ich Rechtschreib- und Kommafehler mache wie eben jemand, der in der 12. Klasse alles hingeschmissen hat, ist auch kein Geheimnis. Manchmal frage ich mich, ob ich überhaupt jemals am Deutschunterricht teilgenommen habe. Aber ich habe eben gehofft, dass die sich denken „in drei Jahren machen wir aus der schon noch ne literarische Erscheinung“. War wohl nichts. Nochmal positiv betrachtet könnte ich mir noch sagen „so viele wurden einst abgelehnt irgendwo und hatten danach den großen Durchbruch“ aber dann sehe ich es realistisch: so viele werden abgelehnt und aus ihnen wird dann auch nichts oder eben was ganz anderes.

Dann kam mir eine E-Mail von meinem Schreibklassen-Lehrer in den Sinn, der mir erst letzte Woche geschrieben hat „du hast das Gen“, ein Feedback, und das, ohne dass ich ihm dafür erst Geld überweisen musste. Also sehe ich es doch wie damals, mit dem High-School-Jahr, es hat sicherlich einen tieferen Sinn, dass die mich nicht wollten (und meine Reifen weiterhin abgefahren sind).

Zeitgleich mit dieser Absage, der Erkenntnis um die mangelnde Qualität meiner literarischen Begabung, bekam ich eine E-Mail von einer Schreibplattform, bei der monatlich ein Kurzgeschichtenwettbewerb stattfindet. Eine meiner Geschichten ist ins Finale gekommen und wird nun abgedruckt. In einem Buch. Aus echtem Papier. Man kann es sogar bei Amazon bestellen. Und ich muss nichts dafür bezahlen, dass meine Geschichte da rein kommt, so gut war sie 😉  

Also ja, mein Schreiben genügt vielleicht nicht für die Schweizer Elite-Hochschule aber das heißt nicht, dass es nicht gelesen wird. Vielleicht ist dieses Kurzgeschichtenbuch mein neuer Umweg, wer weiß. Eigentlich kann man das Schreiben ja auch nicht studieren, klar die Feinheiten bekommt man da vielleicht mit auf den Weg, eventuell wird das mit der Rechtschreibung nochmal erklärt (wobei, die Lektoren wollen ja auch ihr Geld verdienen), aber, um den Worten meines Schreiblehrers zu glauben: man hat das Gen, oder man hat es nicht. Übung macht den Meister und „wen interessieren denn bitte Kommas?“.  

3 Gedanken zu “Umwege

  1. Wer sagt denn auch dass jemand in Bern weiß, was literarische Begabung heißt. Das wäre ja dann ein Besserbernwisser…und die mag eh keiner. Ich – mit meiner völlig unqualifizierten Meinung – spüre bei Dir auch DAS Gen. Das sagt mir einfach mein gesunder Menschenverstand und das amüsierte Grinsen dass sich beim Lesen Deiner Texte auf mein Gesicht schleicht. Und wer es in ein KURgeschichtenbuch (ich wäre die geborene Lektorin :)) schafft, schafft es überall hin!

    Gefällt 1 Person

Mich interessiert deine Meinung, also los!

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s