Inselkoller

„Effi, was hast du eigentlich an deinem freien Tag gemacht?“

Die Schweiz ist ja eine Insel. Zwar ohne Wasser ringsherum, ohne Strand und auch die Palmen sind nur in wenigen Regionen zu finden, aber der Rest ist vergleichbar mit einem Inselleben. Wie das so ist, wenn man auf einer Insel lebt, überkommt einen hin und wieder mal der Inselkoller. Ich hatte ihn auf Ibiza und auch, des Öfteren auf Mallorca. Ja sogar in Neuseeland blieb der Koller nicht aus. 
Manchmal wird es mir einfach zu eng, zu langweilig, zu input-arm. Ich muss etwas Neues entdecken, am liebsten ein Café oder einen Buchladen. Etwas andere Luft schnuppern und die gesammelten Eindrücke am Abend in meine Höhle schaffen. 
Wenn mich der Ruf der Ferne erreicht fahre ich am Liebsten in eine „grosse“ Stadt. Auf Mallorca war das Palma, in Neuseeland Auckland und auf Ibiza, tja, da muss man die Insel verlassen um Grosses zu finden, auch wenn Ibiza-Stadt einer meiner Lieblings-Orte ist, das Wort gross trifft dort nur auf das Verkehrsaufkommen im Sommer zu. Um den Lagerkoller zu vertreiben war sie mir nie gross genug, wenn auch extrem bunt und schrill. 
Heute kollert es mich etwas, unter anderem, da so viele Veränderungen anstehen. Veränderungen begegne ich gerne mit Veränderung. Als würde meine innere Stimme schreien wollen „Erster“. Denn wenn ich verändere, habe ich es in der Hand. Ich sitze im Zug und habe selbst beschlossen, wohin ich zum Kaffeetrinken fahre. Wohingegen andere Veränderungen ungefragt vor der Tür stehen und man sich arrangiert. 
Nein heute bin ich der Entscheider, der Veränderer. Nachdem ich brav, von 7-10 Uhr, meinen Pflichten des freien Tages nachgegangen bin, kommt nun der schöne Teil. Die Stadt verlangt nach mir. Rein ins bunte Treiben. Inspirationen aufsaugen, die Sinne befriedigen und die Komfortzone, Sofa und Kaffeemaschine, für ein paar Stunden verlassen. Nach Auckland schaffe ich es leider nicht, und auch Palma könnte etwas knapp werden. Aber warum in die Ferne schweifen wenn das Gute doch nur 2 Stunden Zugfahrt entfernt liegt? 
Tatsächlich wäre es auch schneller gegangen. Ich hatte die Wahl, eingequetscht zwischen Menschen mit ihren Koffern, Aktentaschen, Gehstöcken, Gitarren, Snowboards und fetten Winterjacken im schnellen Zug oder 4 Plätze für mich alleine, dafür eben  länger auf den Schienen. Klar habe ich mich, als Menschenmassen-Hasser, für die gemütliche Variante entschieden. 
Der Schaffner ist entspannt, meine Abteil-Kameraden sind entspannt und die Luft riecht weder nach Käse noch nach Käsefuss. Alles richtig gemacht. Das Leben neben der Überholspur ist so viel besser.
Auf den Platz hinter mir hat sich ein Brite gesetzt und zu skypen begonnen, auf Lautsprecher, damit wir alle was davon haben. Jeden anderen Menschen würde ich, in Gedanken, wohl wie eine Voodoopuppe massakrieren. Aber ihm höre ich gerne zu. Es klingt als würde Hugh Grant hinter mir sitzen. Seine Frau scheint wohl gerade zu kochen, ich höre das Klappern der Töpfe. Schon bin ich ganz weit weg von zu Hause. 
Es war nicht Hugh, aber dennoch war es nett etwas über seinen gestrigen Tag erfahren zu haben. 
An den Viererplatz neben mir haben sich zwei junge Mädels gesetzt. Scheins haben sie sich längere Zeit nicht gesehen und tauschen sich aus über Studium, Praktika und welche Freundin gerade ein Baby bekommt. Eben sagt die, die nicht studiert: „ich gehe im September nach Neuseeland.“ „Wow, cool!“, bekommt sie zur Antwort. Meine Ohren wachsen. Sorry Hugh, auch wenn dein Arbeitstag nicht schlecht war aber ich muss mich hier jetzt mal konzentrieren. Meine Lauscher spitzen sich über den Gang weg, zur Tarnung halte ich natürlich ein Buch in den Händen. 
„Ich mache 3 Monate Sprachschule und danach gehe ich reisen.“ Sofort möchte ich fragen: „wo ist die Sprachschule, welches Hostel hast du, wie ist dein Reiseplan“, aber das würde wohl schräg rüberkommen. Ich stelle mir gerade vor, was in ihren Köpfen vorginge, würde ich mich einfach zu ihnen setzen und sie vollquatschen. Dann wäre ich die „komische Alte, sicher hat sie 20 Katzen zu Hause“, die nen Schwank aus ihrem Leben erzählt. Vielleicht ist es mal an der Zeit, genau das zu sein (statt 20 Katzen nehme ich aber lieber einen Hund), die Durchgeknallte aus’m Zug, von der man später beim Kaffee seinen Freunden erzählt „also heute im Zug…“. 
Die Mädels wurden ausgetauscht durch 4 breite, vollbärtige Wikinger-Typen. Wie sich das für „echte Männer“ gehört machen sie sich, noch bevor der Zug weiterfährt, jeder ne Dose Bier auf, stellen 4 kleine Shotbecher auf das kleine Tischchen vor sich und vollenden das Stillleben mit 2 Paar Landjäger und einem Schweizer Taschenmesser. Hugh wo bist du? Ich möchte nun doch noch den Rest deines gestrigen Tages erfahren, außerdem weiss ich noch nicht was deine Frau in England gerade kocht. 
Die Wikinger sprechen Französisch. Das macht das Bild etwas schräg, so eine melodisch-romantisch-zarte Sprache im Mund eines landjägerkauenden 150-Kilo-Typ. Ja die Schweiz, da ist eben alles etwas anders 😉 
Da ich irgendwie nur Bahnhof mit Schnapsaroma verstehe, und Hugh ausgestiegen ist, könnte ich ja doch mal etwas lesen, was sich jedoch schwer gestaltet. Die Weihnachtsmänner haben gerade einen Wettbewerb im leere-Bierdosen-zertreten eröffnet.
Eigentlich wäre ich auch schon wieder bereit, zurück nach Hause zu fahren. Ich war in England, in Neuseeland und irgendwo aufm Weg zwischen Paris und dem Nordkap. Genug Ausflug für einen Tag, ich mag zurück auf meine Insel.