Türchen Nummer 22

22. Dezember
22. Dezember

Begonnen hat der Blog ja ursprünglich als Reisebegleiter 2015, als ich für drei Monate nach Neuseeland flog. Ich habe den Link nur mit meinem engsten Kreis geteilt von dem ich wusste, sie würden mir Rechtschreibfehler verzeihen und mit Punkt-Komma-Strich kennen wir uns sowieso alle nicht wirklich aus. So konnte ich meine Erlebnisse mit meinen Lieben zu Hause teilen ohne stundenlang jedem Einzelnen E-Mails schreiben zu müssen.

Im Sommer 2018 kam mir dann die Idee “ich könnte es ja mal zu einem Buch umschreiben” – also die Realität mit etwas Phantasie ausschmücken (wie mein Lehrer immer so schön sagt: “das Leben ist oft doch zu langweilig, als dass man darüber lesen möchte”).

Hier ist der erste kleine Einblick für euch in diese Idee. Was meint ihr, soll ich weiterschreiben?

Ausnahmsweise schalte ich heute mal wieder die KOMMENTARFUNKTION, am Ende des Textes, frei (ich kläre euch hiermit auf, dass ich die erhobenen Daten über die Absender weder speichern noch für irgendwas verwenden werde – keine Ahnung ob das rechtlich verhebt (das ist übrigens Schweizerdeutsch für hält) aber der Gute Wille meinerseits ist da).

Viel Spass damit (das ist jungfräulich, unbearbeitet, roh und die 1.Version):

Rucksack
Mein Rucksack mit Zelt, Schlafsack, Kissen und Reisebegleitern

Tag -1

„Danke für deine Freundschaft, pass gut auf dich auf, ich vermisse dich jetzt schon – und lass die Finger von den Männern dort 😉 “. Grinsend lese ich die WhatsApp meiner Freundin, während ich zum x-ten Mal den gleichen Reißverschluss meines Rucksacks zu ziehe. In den letzten Stunden haben mich massenweise Abschiedsnachrichten erreicht, mit Freundschaftsbekundungen, herzlichen Wünschen und jeder Menge Sorge aus dem Freundes-, Bekannten- und Familienkreis. Man könnte meinen ich würde in den Krieg ziehen. Meine einzige Waffe ist allerdings ein Plastikmesser. Meine Jogginghose hat kein Tarnmuster und mein pinkes Kissen, welches am Rucksack baumelt, wird wohl auch keine Feinde abschrecken. Tatsächlich fühle ich mich eher wie Heinz Sielmann, vor seiner ersten Expedition ins Tierreich. Keine Ahnung, was auf mich zukommen wird. Ich weiß, es gibt schöne Landschaften mit viel Meer, lustige Tiere und keine Gefahren die auf mich lauern werden. Nach diesen Infos habe ich den Reiseführer zugeklappt, den Flug gebucht und beschlossen, alles Weitere dem Zufall zu überlassen. Außerdem hasse ich es, Reiseführer zu lesen. Wie langweilig ist es denn, schon alles zu wissen und beim Live-Erlebnis dann nur zu denken „ach das sieht ja genauso aus wie im Reiseführer beschrieben und jetzt kann ich das gleiche Foto machen wie das, auf welches auf Seite 356 links unten verwiesen wird“. Christoph Kolumbus wäre, hätte er einen Reiseführer gehabt, nicht in Amerika gelandet und bevor es das Navi gab habe ich die lustigsten Irrfahrten erlebt: „die sagten, nach der Abbiegung sind es 10 Minuten gerade aus, aber bei welcher Geschwindigkeit haben sie nicht erwähnt“.

Also landete der Reiseführer, ungelesen, im Handgepäck. Dort könnte ich ihn ja rausfischen, um doch mal etwas nach zu schlagen oder, noch besser, nach etwas zu schlagen. 500 Seiten Papier sind sicherlich effektiver als mein Campingmesser, wenn es drauf ankommt, und Sandflies erwischt man auch schlecht mit einem Messer.

„Steffi, ich denke du solltest den Rucksack einmal Probetragen“, schlägt meine Mama vor, als sie mich vor dem blauen Monstrum auf allen Vieren sieht. Mit dem Knie probiere ich gerade noch etwas mehr Stauraum zu schaffen als sie einen Beutel neben mein Gesicht hält „soll das auch noch rein?“. Ich entspanne mein Knie, lasse stattdessen meinen Kopf vornüber auf den Rucksack fallen und murmle dort „ich glaube ich muss nochmal reduzieren“ hinein.

Was braucht man eigentlich für drei Monate? Das kommt natürlich darauf an, was für diese Zeit alles geplant ist. Tja, und da liegt mein Packproblem: kein Plan. Es gab nie einen, und jetzt, zwölf Stunden vor Abflug, ist nicht der passende Zeitpunkt damit noch an zu fangen. Für diese viertel Jahr in Neuseeland habe ich tatsächlich nur einen einzigen, fixen Termin und das ist ein Fitness Event in Auckland, eine Woche vor meinem Rückflug im Februar. Einmal hautnah mit meinen Trainer-Vorbildern zu Tanzen, Yoga zu machen und Gewichte zu stemmen, das wird das große Finale dieser Reise sein. Die rund 80 Tage davor würde ich mich einfach vom Sommer treiben lassen, glücklich darüber, dem Winter in Bayern zu entkommen.

Nachdem ich, monatelang, so vielen Touristen, Tag für Tag, ihr Bier vor die Nase gestellt und im größten Stress nicht mehr wahrgenommen habe wie wunderschön die Sonne abends im See untertaucht und die Berge, ganz heimatfilm-like, im Wasser spiegeln, ist es an der Zeit auf der anderen Seite des Bierkrugs zu sitzen. Gerade war noch April, ich habe den neuen Job gestartet. „Das wird ein harter Sommer, mal schauen ob du das packst“, stellten sich mir meine neuen Kollegen vor. Ich würde es schon schaffen. Wer Saisonarbeit auf Ibiza und Mallorca überlebt hat, der schafft doch auch einen Sommer am bayrischen Meer. Tatsächlich war es das Härteste, was mich in meiner Gastro-Laufbahn erwarten sollte. Die Tage waren unendlich lang. Die Tabletts unfassbar schwer. Die Wege endlos weit. Die Hitze, die Menschenmassen die uns überrannten und dazu noch der Mix aus den Charakteren unseres Teams. Wir lachten viel zusammen, doch eine Sekunde später konnte schon der Krieg ausbrechen. Je heißer es wurde, je näher der Herbst kam, je erschöpfter wir waren, desto explosiver waren wir auch. Der Lichtblick nach einem, oft, 16-Stunden-Tag, war es, in der Nacht schnell zwei Toastbrot in meinen Mund und das Trinkgeld in mein Sparschwein zu stopfen. Den freien Tag verbrachte ich mit Wäsche waschen, essen und schlafen. Ich wusste, der Job würde, gemeinsam mit dem guten Wetter, verschwinden. Im Winter sitzt keiner am See, da fährt man Ski oder bleibt zu Hause. Der See, wenn es nicht gerade ein sonniger Wintertag ist, deprimiert die Menschen im Winter. Der Nebel, der schwer auf dem Wasser liegt, die Stille, die blätterlosen Bäume – diesen Endzeit-Emotionen sind die wenigsten gewachsen. Daher würde es bis Ostern kaum Arbeit für uns geben.

Ich spielte mit dem Gedanken einer Wintersaison in Österreich oder der Schweiz. Da gab es nur das große Problem, dass ich die Kälte hasse und weder auf Luxushotellerie noch auf Après-Ski stehe. Mit 35 bin ich einfach zu alt für diesen Scheiß.

Als ich das Geld aus meinem Schwein zur Bank brachte, und zum ersten Mal seit Jahren ein Plus vor meinem Kontostand sah, kam mir die Idee einer Belohnung. Womit könnte ich mich belohnen? Vielleicht mit einer Anzahlung für einen Van in dem ich durch die Welt tingeln würde? Ich könnte natürlich auch meine Einzimmerwohnung etwas pimpen, da ich dort seit meinem Einzug im April auf einem Palettenbett schlief, was gleichzeitig auch mein Sofa war. Aber würde ich mir, ohne Job, im Winter diese Wohnung überhaupt noch leisten können? Eher nicht. Und wollte ich im nächsten Frühling wirklich zurück in das freundliche Irrenhaus am See, um dort einen weiteren Sommer täglich zig Kilometer mit Bierkrügen und Pommes zu bewältigen und mir von den Gästen an zu hören, dass Kellnern ja kein richtiger Job sei?

Es war ein Morgen, Ende September, als mir meine Chefin eine WhatsApp schrieb, ich könne heute frei machen. Ich schaute raus und es regnete wie aus Kübeln. Bei Regen war unsere Terrasse natürlich leer, und auch wenn wir reichlich Innenplätze hatten, brauchte es nur die Hälfte des Personals. Also machte ich mir einen Kaffee, knipste den TV ein und ging zurück ins Bett. Nichtstun kann so herrlich sein. Angenehm gelangweilt scrollte ich die neusten Meldungen bei Facebook durch. Das Übliche: Hochzeiten, Studienabschlüsse, Babyfotos, neue Jobs, prächtig gebaute Häuser im Nachbarort der Eltern, Weltreisen. Ich frage mich manchmal warum wir diese einseitige Berichterstattung machen. Wäre es nicht auch ein Foto wert, oder zumindest eine Statusmeldung, wenn man gerade seine Scheidung hinter sich gebracht hat, den Job verlor oder einfach eine Sinnkrise hat im Leben? Würde es dem Leser, den Freunden, nicht eher das Gefühl geben auch normal zu sein? Warum müssen die guten Zeiten mit Glitter beworfen und ins Rampenlicht gestellt werden aber die schlechten Zeiten verschwinden in einem Ordner auf dem Desktop?

Ich beschloss das Bett zu verlassen und ein paar Schritte in die Stadt zu machen. Seit Wochen war ich entweder bei der Arbeit oder in meinen 25 Quadratmetern. Ich schnappte mir den Regenschirm und spazierte los. Noch immer durchblätterte ich in Gedanken all die Möglichkeiten einer Belohnung für mein nahendes Saisonende. Ehe ich’s mich versah stand ich im Reisebüro, zog mir den Stuhl vor dem Tisch eines gemütlich dreinschauenden Mannes zurecht und nahm Platz.

„Womit kann ich ihnen helfen“ fragte er lächelnd hinter seinem PC in meine Richtung. „Ich habe ehrlich gesagt keine Ahnung“, entgegnete ich ihm peinlich schmunzelnd. „Ok, dann schauen wir doch mal ob wir da was tun können“, sagte er und rollte in die Mitte seines Tisches, um nicht mehr von dem Bildschirm verdeckt zu sein. Um ihn nicht komplett zu überfordern legte ich die Fakten auf den Tisch: „Ich reise alleine, habe ab Mitte November 3-4 Monate Zeit, es sollte warm sein und ein Meer geben. Außerdem sollte es sicher sein und auch nicht zu exotisch, ich bin kein Abenteurer und habe auch keine Lust auf komisches Essen oder eklige Toiletten“.

Ja so bin ich und ich stehe dazu. Sonst hätte er mich sicherlich nach Thailand geschickt. Vor seinem inneren Auge ging er wohl ein paar Destinationen durch und präsentierte mir dann das Ergebnis seiner Überlegung: „Was halten sie von Neuseeland?“. Sofort schossen mir Fotos einer Freundin aus Kindertagen in den Kopf, die ich immer neidisch auf Facebook begutachte. Sie war vor 9 Jahren ausgewandert und auf all ihren Bildern hatte sie Spaß mit sympathischen Menschen, trank Wein, lachte und im Hintergrund leuchtete ein idyllisch blauer Himmel über einer saftig grünen Wiese am Seeufer. Ein breites Grinsen breitet sich auf meinem Gesicht aus und der Reiseverkäufer fügt hinzu: „Wenn sie den Luxus der Zeit haben, sollten sie diese auch nutzen. Das ist das andere Ende der Welt und drei Monate sind da gerade richtig um sich, ohne Stress, alles an zu schauen. Es ist eines der sichersten Länder, sie können problemlos alleine reisen und mit Essen und Hygiene gibt es dort auch keine Probleme.“ Bei seinen Worten hatte ich innerlich schon begonnen die Koffer zu packen als er hinzu fügte „allerdings benötigen sie für drei Monate auch ein entsprechend hohes Reisebudget. Neuseeland ist kein günstiges Land.“ Wie die Buchstaben bei Wetten daß… früher, wenn die Wette verloren war, kippten meine Mundwinkel nach unten…..

14 Gedanken zu “Türchen Nummer 22

  1. Liebe Effi,
    2015 habe ich Dich noch nicht einmal gekannt, aber irgendwie hatte ich es auf Deinen Blog geschafft und habe mich auf jeden neuen Eintrag gefreut.
    2018 seid Ihr in mein Leben getreten, und ausser dass ich mich stundenlang mit Euch unterhalten könnte und möchte, werde ich ganz sicherlich Dein Buch lesen.
    Also beeile Dich, ich kann es kaum erwarten!

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  2. Hier schreibt dein treuester Fan aus dem idyllischen Griesbach🤘🏻, du weißt ja die die mit Dir den fantakuchen aus dem Backofen befreit hat oder die die mit Dir im Duett gerne mal in umgekehrter Reihenfolge beim Klarinetten spielen das gehört des Dirigenten auf die probe gestellt hat oder die die mit Dir auf dem FKK Campingplatz auf Sylt den Friesen geehrt hat und auch die immer gesagt Effi fang endlich mit dem Schreiben ✍🏽 an denn deine aberwitzige und humorvolle Art , dein Leben wo viele dachten wohin biegt sie den jetzt schon wieder ab , gehört definitiv in ein Buch oder gleich nach Hollywood.😘🤘🏻.
    Es ist egal was du schreibst es gibt selten einen Moment an dem du mir kein breites Lächeln ins Gesicht zauberst oder ich gleich auf dem Boden liege vor Lachen .. mach weiter so und biege öfters mal falsch ab denn das ist das was das Leben lebenswert macht😘forever in Love deine schwabra

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  3. Ich hab deine Erzählungen über dein Leben schon in Neuseeland geliebt, weil du so eine erfrischend lustige Art hast, auch über dich selbst zu lachen.
    Schreib bloß eine Biografie über dein Leben und vergiss danach nicht, mir ein signiertes Exemplar zukommen zu lassen 😉

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  4. Schön zu lesen und auch informativ man erfährt mal wieder ein paar Kleinigkeiten mehr bzw werden sie aufgefrischt… 😄

    Aber die Geschichte von der Koboldin fand ich auch super…

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  5. Wie immer super geschrieben, so humorvoll und voller Leidenschaft. Das sage ich aus freiem Willen und nicht weil ich mit dir verheiratet bin. 😁

    P.S. die Kommentarfunktion scheint auch zu funktionieren. 😎

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