Türchen Nummer 20

20. Dezember
20. Dezember

Ich hoffe, euch hat der 1. Teil der Koboldin gefallen. Falls ihr nicht wisst wovon ich gerade spreche: ihr seid in einem Zweiteiler gelandet. Gestern gab es den 1. Teil meines „Märchens“ und heute geht es weiter. Also solltet ihr nicht up to date sein, lest einfach den Eintrag vom 19. Dezember. Für alle anderen geht es jetzt, ohne grosse Vorworte, weiter. Ich mache es wie die Privatsender nach der Werbung und wiederhole die letzten beiden Sätze 😉

Natürlich freue ich mich über Feedback. Weiter geht es:

Die Koboldin – Teil 2

Dann, plötzlich, sah er die Hängematte der Koboldin zwischen den, sich biegenden Bäumen. Aber sie wehte leer im Wind. Wo war sie hin bei diesem beängstigenden Wetter?

Endlich entdeckte er sie. Das kleine Wesen sass, zusammengekauert und nass, unter der Hängematte. Sie lehnte sich an den Baumstamm, welcher schon um einige Äste ärmer war. Der Jäger überlegte nicht eine Sekunde. Er ging zu ihr, warf sie, wie sonst seine Beute, über seine starke Schulter und trug sie in seine Höhle. Dort setzte er sie ans heisse Feuer, legte eine Decke um ihre Schultern und drückte ihr einen Becher mit heissem Kräutertee in die Hand.

Die Koboldin war so erschöpft, dass sie weder Angst hatte noch fragte wer er sei oder wo sie war. Sie schlief, noch mit dem Becher in der Hand, sitzend ein und begann zu schnarchen. Der Jäger legte sie vorsichtig in sein Bett, deckte sie bis zur Nasenspitze zu und sass den Rest der Nacht am Feuer von wo aus er immer wieder zu ihr rüber sah. Er war die ganze Nacht wach und blickte gedankenverloren in die Glut. Noch nie war jemand in seiner Höhle gewesen.

Am nächsten Morgen erwachte die Koboldin im Bett des Jägers. Sie erinnerte sich nur schwer daran, was am Abend passiert war. Auch wusste sie nicht wo sie war. Aber dass der Jäger sie vor dem Unwetter gerettet hatte, das wusste sie ganz genau. Jedoch war er schon weg, denn sie schlief, mal wieder, viel zu lange. Noch mehr Hilfe wollte sie nicht in Anspruch nehmen und auch nicht alleine in einer fremden Höhle sitzen oder ihn gar von etwas abhalten. Also machte sie das Bett zurecht, spülte brav ihren Becher ab und ging zurück in den Wald.

An diesem Tag zog es sie nicht zum Fluss und sie wollte auch nicht toben. Stattdessen sammelte sie herumliegende Äste zusammen, aus denen sie einen Korb flocht. Dann füllte sie diesen mit den schönsten und grössten Beeren und den am besten duftenden Kräutern, die sie finden konnte. Damit ging sie zurück zur Höhle und stellte den Korb dort ab. Obendrauf legte sie eine grosse, gelb leuchtende Blume und verschwand wieder.

Den Rest des Tages streifte sie verträumt durch den Wald. Sie liebte ihr Leben als Einzelgängerin, aber heute erinnerte sie sich daran, wie viel Spass sie auch oft mit den anderen Kobolden hatten. Sie tobten gemeinsam im Fluss und auf den Bäumen, bewarfen sich mit Beeren und kleinen Nüssen und schauten abends zusammen der Sonne beim Untergehen zu, bevor sie sich gegenseitig in den Schlaf schnarchten. Dennoch war da immer das Gefühl in ihr, am falschen Platz zu sein. Sie passte nicht so recht dazu, ohne das Zaubern, ohne das Streiche spielen. Sie war keine typische Koboldin. Doch die anderen verstanden das nicht und wollten sie immer verändern. Darum war für sie klar, dass sie nicht mehr dorthin zurück wollte.

Als der Jäger heimkehrte fand er den Korb und auch die leere Höhle. Er sah das gemachte Bett und den gespülten Becher. Er setzte sich ans Feuer und begann ein paar Beeren zu essen. Plötzlich überkam ihn ein schweres Gefühl, welches er so noch nie verspürt hatte. Er schlief, mit dem Korb in der Hand, am Feuer ein.

In dieser Nacht lag die Koboldin wach in ihrer Hängematte, schaute zum Mond und den Sternen und grübelte. Woher wusste er, dass sie da draussen war? Woher wusste er überhaupt, dass es sie gab? Warum hat er sie mitgenommen und sich um sie gesorgt? Als es langsam hell wurde schloss die Koboldin ihre Augen, ohne Antworten auf ihre Fragen gefunden zu haben.

Die Tage verstrichen. Alles ging seinen gewohnten Gang. Der Jäger war morgens am Fluss beim Fischen und ging am Mittag zur Jagd. Die Koboldin schlief bis zum Mittag und lebte in den Tag hinein. Alles war wie immer – nein, nicht ganz. Denn am Abend, wenn der Jäger am Feuer sass und die Koboldin in ihrer Hängematte schaukelte, war da dieses neue Gefühl, was beide zuvor nicht kannten. Eine Leere, die sich schwer anfühlte und die die Leichtigkeit verdrängte, was sie nur mühsam einschliefen lies.

Es kam der Herbst und nachdem die Bäume all ihre Blätter verloren hatten stand der Winter vor der Tür. Eines Abends fegte der erste eisige Wind des Jahres in die Höhle des Jägers. Er rückte näher ans Feuer und nahm seinen Tee wärmend zwischen seine Hände. Beim Anblick des Bechers musste er an die Koboldin denken, wie sie, diesen umklammernd, am Feuer eingeschlafen war und die ganze Nacht die Höhle mit ihrem Schnarchen ausfüllte. Wieder rauschte der kalte Wind durch die Höhle und wehte Blätter und Äste hinein.

Der Jäger sprang auf, stürmte nach draussen und durchkämmte den Wald nach der Hängematte. Er konnte sich nicht vorstellen, dass sie noch immer im Wald lebte, jetzt wo der Winter kam. Die Tage blieben zwar weiterhin angenehm warm, aber die Nächte hatten es in sich.

Dann sah er das Stück Stoff, wie es im Wind zwischen den Bäumen baumelte. Wieder war sie leer. Darunter sah er ein kleines Zelt aus dem das Licht einer Kerze flackerte. Er näherte sich vorsichtig, ging auf die Knie, um ins Innere des Zelts zu blicken.

Da sass die kleine Koboldin, bibbernd vor Kälte, und versuchte sich mit allem zuzudecken was sie besass. Sie sah den Jäger, doch anstatt erschrocken zusammen zu fahren, strahlte sie ihn, unter ihren roten Zottelhaaren, an. Wieder packte er sie und warf sie, wie einen erlegten Hasen, über seine Schulter. Er brachte sie in die Höhle, setzte sie ans Feuer, gab ihr Tee und beobachtete sie. Nachdem sie aufgetaut war blickte sie zu ihm hoch und fragte „wer bist du, dass du mich rettest?“. „Ein Freund. Niemand sollte alleine sein, wenn der Winter kommt.“

Gemeinsam sassen sie am Feuer, redeten und kicherten, die ganze Nacht, den ganzen nächsten Tag und nochmal die komplette Nacht. Über alles was ihnen in den Sinn kam. Die lachten und assen und dazwischen schliefen sie immer wieder ein und einer weckte den anderen durch sein laut schepperndes Schnarchen auf. Beide waren so lange ohne Gesellschaft gewesen, dass die Zeit wie im Flug verging. Sie blühten auf und alles um sie herum war vergessen.

Doch schliesslich musste der Jäger wieder los, zum Fischen und zur Jagd. Er wollte, dass die Koboldin bei ihm bleibt. Sie könnte sich um die Höhle kümmern, das Feuer am Brennen halten und aus den gesammelten Kräutern Tee kochen. Ausserdem könnte sie dafür sorgen, dass keine Tiere in die Höhle kamen um Essen zu stehen, während er auf der Jagd war.

Als der Jäger das sagte sprang die Koboldin auf. Sie hatte ein wutentbranntes Gesicht, raufte sich die strubbeligen Haare, stampfte ums Feuer wie Rumpelstilzchen und protestierte lauthals. Sie würde nicht alleine den ganzen Tag in der Höhle bleiben, auf keinen Fall. Eingesperrt in eine Höhle. Ohne ihren Fluss, ihre Hängematte, ihre Tiere und überhaupt was sollte sie denn hier spielen. Das war ja genauso wie mit den Kobolden, die wollten, dass sie ein Kobold-leben führt. Jetzt kam da dieser Jäger und wollte, dass sie ein Jägerleben führt oder wie? Nein, nein, nein, nochmal stampfte sie wutentbrannt auf. Dann streckte sie ihm die Zunge raus und wollte wegrennen.

Gross und breit stellt sich der Jäger vor sie, so dass sie plötzlich winzig klein war. Er schnaubte einmal furchteinflössend durch seine breiten Nasenlöcher, worauf das Feuer kurz erlosch, und zog eine Augenbraue hoch. Mit ruhigem, freundlichem aber bestimmtem Ton sagte er dann: „Ich will, dass du bleibst! Wenn du keinen Tee kochen möchtest dann machst du eben etwas anderes, aber du rennst nicht wieder weg!“.

Kurz riss sie die Augen auf und wollte loswettern, den Finger hatte sie schon wütend zum Himmel erhoben, da musterte sie ihn eindringlich. Über ihrem Kopf qualmte es leicht, so aufgebracht war sie. Doch dann, ganz unerwartet, setzte sich zurück auf ihren Platz beim Feuer, legte ihre Hände in den Schoss, senkte ein wenig den Kopf, damit er sie nicht sehen konnte, und es überkam sie ein glückliches und zufriedenes Lächeln.

Ab diesem Tag stand der Jäger auch nicht vor den ersten Sonnenstrahlen auf und sie gingen gemeinsam zum Fluss. Die Koboldin tollte nicht mehr ganz so wild durchs Wasser, um ihm die Fische nicht zu vertreiben – sobald er weg war legte sie dafür richtig los. Wenn er bei der Jagd war sammelte sie Beeren und Kräuter und es blieb noch immer reichlich Zeit für sie in ihrer Hängematte zu schaukeln, über Äste und Wurzeln zu hüpfen und die Tiere mit ihren Geschichten zu unterhalten. Am Abend sassen beide immer gemeinsam auf einem Felsen, um in den Sonnenuntergang zu schauen, den sie aber oft nicht mal mitbekamen da sie ununterbrochen quasselten und lachten.