Türchen Nummer 19

19. Dezember
19. Dezember

Hello again 🙂

Tag 19! Na, könnt ihr noch? Also langsam wird es anstrengend. Nicht das Schreiben, aber das lange Sitzen am Laptop. Meinem Rücken gefällt das überhaupt nicht. Das waren noch Zeiten, als der Körper alles mitgemacht hat, ohne sich zu wehren 😉

Was gibt es denn heute für euch? Hmm… lasst mich mal überlegen…. ach ja, da habe ich es: einen Zweiteiler. Zu Weihnachten liebt ja jeder die Klassiker im TV. Zum Beispiel Sissi. Jeden Tag kommt ein anderer Teil.

Das Konzept greife ich heute mal auf, damit ihr nicht alles auf einen Schlag lesen müsst (nicht, dass ihr auch noch Rückenschmerzen bekommt, oder müde Augen).

Ich habe mich mal, mittlerweile ist es einige Jahre her, an einem Märchen probiert. Irgendwann bin ich nachts wachgelegen und konnte einfach nicht wieder einschlafen. Im Schlummermodus hat mein Kopf etwas zusammengebastelt (keine Ahnung, was vorher im TV lief).

Hier also Effis Märchen, so ganz ohne Einhorn – viel Spass damit.

Die Koboldin – Teil 1

Es waren einmal eine wilde, kleine Koboldin und ein fleissiger, grosser Jäger. Beide lebten in einem schönen Wald, abgeschieden von den Dörfern der Menschen. Ihre Wege hatten sich noch nie gekreuzt, bis zu jenem Tag…

Jeden Morgen, sobald die ersten Sonnenstrahlen durch die hohen Baumkronen fielen, verliess der Jäger seine Höhle, um den Wald zu durchstreifen. Er ging früh zum Fluss um zu fischen, machte sich am Mittag auf die Jagd und kehrte bei Anbruch der Dunkelheit wieder in seine Höhle zurück.

Zart, klein und rothaarig, so hüpfte die Koboldin unbeschwert durchs Leben. Weil sie sich weigerte eine echte Koboldin zu sein, sie wollte nichts anstellen, konnte nicht zaubern und selbst für richtig spitze Ohren hatte es bei ihr nicht gereicht, wurde sie vor nicht allzu langer Zeit aus der Höhle der Kobolde verstossen. Seither hing sie jeden Abend ihre kleine Hängematte zwischen zwei grossen, starken Bäumen auf und lies sich morgens von der Sonne und dem lebhaften Zwitschern der Vögel wecken. Die Tage verbrachte sie damit im Fluss zu schwimmen, sich mit den Tieren des Waldes zu unterhalten, auf Bäume zu klettern und die Beeren zu essen, die sie pfeifend durch den Tag weg sammelte. Sie lebte in den Moment und kümmerte sich nicht um Morgen. Auch vermisste sie die anderen Kobolde nicht, sollten sie doch bleiben wo der Pfeffer wächst, ihr ging es gut. Alleine.

An diesem Tag verliess der Jäger, später als sonst, seine Höhle und kam erst um die Mittagszeit zum Fluss. Dort sah er dann, zum ersten Mal in seinem Wald, ein kleines, quirliges Wesen, welches sich im Wasser zu vergnügen schien und wild um sich plantschte. Sie sah etwas verrückt aus mit ihren zerzausten, roten Haaren, wie sie dort im Wasser auf und ab sprang und Selbstgespräche zu führen schien. „Es muss eine Koboldin sein“, ging es dem Jäger durch den Kopf. „Diese frechen Wesen, die auf Schiffen oder in Häusern der Menschen ihren Unfug treiben.“ Er wusste, dass auch manche in den Wäldern lebten und dort ein eher ruhiges und sehr faules Leben führten. In seinem Teil des Waldes hatte er bisher aber noch nie einen getroffen. Sofort wollte er das Wesen verjagen aus seinem Fluss, schliesslich vertrieb es ihm alle Fische.

Doch dann hielt er inne und beobachtete das vergnügtes Spielen. Völlig ausgelassen, wild und fröhlich hüpfte sie, er konnte erkennen, dass es ein grünes Kleid trug, also war es wohl eine Koboldin, immer wieder ins Wasser. Sie tauchte, spritzte ausgelassen um sich und dabei schien sie den Fischen Geschichten erzählten. Der Jäger schüttelte den Kopf darüber wie unnütz diese Beschäftigung doch war, drehte sich um und ging zur Jagd. Er würde später zum Fluss kommen, wenn das Wasser wieder ruhig geworden und dieses tobende kleine Wesen weg war. Schliesslich hatte er seine Aufgaben zu erledigen, es gab viel zu tun bis zur Dämmerung, sonst würde er nichts zu essen haben.

Am Abend sass er am Feuer in seiner Höhle, ass seine Beute, einen Hasen der ihm direkt vors Gewehr gehoppelt war, und dachte darüber nach, ob diese Koboldin wohl auch in seinem Wald leben würde und was sie den ganzen Tag tat. Wo waren die anderen Kobolde? Wovon konnte sie überleben, wenn sie ihre Zeit mit Spielen und wirren Selbstgesprächen verbrachte? Ob sie eine Hütte hatte, oder auch eine Höhle. wie er? Würde sie tatsächlich alleine leben oder war da jemand, der sich um sie sorgte, weshalb sie ihre Zeit mit Nichtstun verschwenden konnte?

Am Tag darauf brach der Jäger, noch vor Anbruch des Tages, zum Fischen auf, sodass er anschliessend auch früher bei der Jagd war. Das verschaffte ihm Zeit, um nochmal den Weg zurück zum Fluss zu nehmen und nach zu sehen, ob sie wieder dort war. Tatsächlich plantschte sie wieder ausgelassen, wie eine Verrückte, im Wasser. In ihm stieg Ärger auf, darüber, wie jemand schon wieder tatenlos seine Zeit mit Spielen verbringen konnte, während doch täglich so viele Dinge getan werden mussten. Kopfschüttelnd über ihr Treiben beobachtete er sie noch ein wenig und kehrte dann zurück in seine Höhle.

Auch an diesem Abend liess ihn das Gesehene nicht los und tanzte durch seine Gedanken. Auf der einen Seite war da dieser Ärger über die Faulheit der Koboldin, andererseits war er verzaubert vom Lachen und dem Glück und auch der Zufriedenheit dieses kleinen Wesens mit den zotteligen Haaren. Sie schien frei von Sorgen, Ängsten und Aufgaben zu leben und es ging ihr dabei, wie er mit eigenen Augen sehen konnte, gut. Wie konnte das sein?

Zur gleichen Zeit lag die Koboldin, genüsslich schmatzend, in ihrer Hängematte. Neben ihr zwei Hasen die auch von den Beeren naschen durften. Es ging ihr wunderbar. Sie vermisste nichts und niemanden. Schon viel früher hätte sie ihr Bündel packen und alleine leben sollen. Der Wind schaukelte sie friedlich in den Schlaf und sie lag lächelnd in ihrer Hängematte, inmitten des grossen Waldes, und fürchtete Nichts.

Am darauffolgenden Tag beobachtete der Jäger wieder ihr Spiel, um ihr dann heimlich zu folgen. Er wollte wissen, was sie noch tat und wo sie lebte. Er sah ihr zu wie sie sich Beeren pflückte und die Taschen ihres dunkelgrünen Kleides, was voller Flecken war, damit füllte. Tanzend und lachend streunte sie durch den Wald, ohne auf den Weg zu achten, und dennoch schien sie genau zu wissen wohin sie ging. Keines der Tiere wich vor ihr zurück, auch dann nicht, wenn sie mit einem kräftigen Sprung einen Ast zum Knacken brachte oder am Boden liegende Blätter in die Luft warf um sie fliegen zu lassen.

Als die Dämmerung einsetzte suchte sie sich ein lauschiges Plätzchen auf einer Lichtung, teilte einige Beeren mit den Vögeln, sprach mit den Hasen und Rehen, die in Seelenruhe neben ihr Platz nahmen, und dann kletterte sie auf einen Felsen um der Sonne beim Untergehen zuzuschauen. Er beobachtete noch immer was da vor sich ging aber in ihm war keine Spur mehr von Wut oder Entsetzen, im Gegenteil, in ihm stellte sich ein friedliches und warmes Gefühl ein, welches er so nicht kannte. Er folgte ihr bis zu ihrer Hängematte, wo sie sich hineinlegte und die letzten Beeren aus ihrer Tasche verspeiste bevor sie leise, und dann immer lauter, zu schnarchen begann.

Der Jäger verstand nicht wie man so leben konnte aber noch weniger verstand er, dass er davon so fasziniert war. Dennoch ging er seinem gewohnten Gang wieder nach, denn schliesslich musste alles seine Ordnung haben. Er versuchte keinen Gedanken mehr daran zu verschwenden.

Einige Wochen waren ins Land gezogen als er, eines Abends, wieder in seiner Höhle am Feuer sass. Draussen fegte ein tosender Sturm durch den Wald. Äste flogen umher, kleine Bäume knickten ein und mit einem lauten Donnergroll brach der Regen los. Schnell verkroch er sich in die hintere Ecke der Höhle, wo es warm und trocken war und er Schutz vor dem Unwetter hatte.

Doch dann plötzlich sprang er auf. Er rannte nach draussen, direkt in das Gewitter, durchquerte den nassen, matschigen Wald, lief zum Fluss in den laut das Wasser prasselte, weiter auf die verlassene Lichtung und durchkämmte jede Ecke des Waldes. Er schaute hinter jeden Baum und unter jeden Stein, doch fand nichts.

Dann, plötzlich, sah er die Hängematte der Koboldin zwischen den, sich biegenden Bäumen. Aber sie wehte leer im Wind. Wo war sie hin bei diesem beängstigenden Wetter?