Türchen Nummer 7

Zuallererst: DANKE an die beiden bayrischen Nikoläuse für ihre Lieferung 🙂 Am meisten hat mich gefreut, dass es per POST kam, und nicht online. Das ist auch schon die perfekte Überleitung zum heutigen Thema:

Flashback – 2001

Gestern hattet ihr ja quasi Lesepause, dafür hole ich heute die ungenutzte Wortzahl nach 😉 Leute, am Samstag war ich in der Schule. Das Thema war Website Basics und wir durften experimentieren mit HTML und anderen, mir bis dahin völlig unbekannten Welten. Plötzlich hat es mich fast vom Stuhl gehauen, ich konnte, nein, nicht in die Zukunft, in die VERGANGENHEIT sehen. Vor mir war dieses Bild:

Screenshot 2001 visit-effi.de
2001 – visit-effi.de
Höre ich hier ein „was soll das denn sein“? 🙂 Das, meine Freunde, ist der 24. September im Jahr 2001. So sah damals Internet aus. Flash-animiert, minimalistisch und, bei mir eben damals schon: bunt. Stellt euch das knacken des Modems vor und wie ihr etwa 5 Minuten auf den Seitenaufbau warten müsst. Als ich auf die animierte Tür geklickt habe begann eine kleine Zeitreise. Tatsächlich glaubte ich, all das für immer in den Weiten der Word Wide Web verloren, aber nein, das Internet verliert nichts und es vergisst auch nichts. An die darauffolgenden 30 Minuten des Unterrichts kann ich mich nicht mehr erinnern (im Gegensatz zum Internet vergesse ich nämlich sehr viel) denn ich war, wie Alice im Wunderland, in einer anderen Welt gelandet.

Das Gästebuch war unsere damalige WhatsApp-Gruppe. 677 Einträge in denen wir uns Grüsse schickten, die vergangenen Wochenenden Revue passieren liessen und uns auf die kommende Party vorbereiteten.

Gästebuch visit-effi.de 2001
Gästebuch von visit-effi.de
Sicher können sich einige von euch an die Zeiten erinnern, in denen der SMS-Speicher auf unserem Handy auf 10 begrenzt war. Nicht 10 MB, nein 10 SMS mit jeweils 160 Zeichen. Dann war der Speicher voll und es konnte auch nichts archiviert werden. Für jede einzelne musste man bezahlen! Also eine SMS mit „ok“ war pure Verschwendung, auch wenn man nicht mehr mit zu teilen hatte. Online gab es die Möglichkeit „Free-SMS“ zu versenden, was ich natürlich, innovativ wie ich war, auf meiner Website angeboten haben. Es gab auch einen Chat, in dem wir uns abends verabredet haben und oft bist spät in die Nacht in mehreren Chatrooms unterwegs waren. Wenn der allgemeine Chatroom zu voll wurde und man mit lesen nicht mehr hinterher kam, startete man mit einzelnen Leuten einen privaten Chat. Das artete schnell mal in Chat-Stress aus. Ausserdem musste auch immer genau geprüft werden, wem man jetzt eigentlich welche Nachricht sendete – das ging ab und zu ordentlich schief, nicht immer folgenfrei – haha. Neben Chat und SMS war das Gästebuch eine unserer Kommunikationsplattformen, nicht nur bei visit-effi.de (meine alte Web-Adresse, nur zu finden mit ein paar geheimen Supertricks) sondern auch auf vielen anderen Seiten. Das Gästebuch unserer Stamm-Disco war beispielsweise auch einer unserer Treffpunkte. Während wir darauf warteten, dass sich die Fotos des letzten Party-Wochenendes endlich luden, je nach Verbindung wartete man schon mal fünf Minuten, um dann fest zu stellen, dass man auf dem Foto keinen kannte, lasen wir das Gästebuch und hinterliessen unseren Kommentar. Da unser Handy keine Fotos machen konnte waren wir angewiesen auf die Fotos, die der Partyfotograf an den Wochenenden von uns schoss. Und wer von euch war auch so glücklich über die Erfindung von Napster wie ich? Endlich konnte man Musik teilen. Klar, es war dann 3 Stunden nicht möglich zu telefonieren und man hat bei jedem Prozent des Downloads mitgefiebert, dass der, der die Musikdatei bereitgestellt hatte, seinen PC nicht plötzlich ausschalten würde, aber es war super. Ich habe oft nächtelang „genapstert“, denn nachts war das Internet schneller, um am nächsten Morgen eine CD mit 7 Liedern brennen zu können. Es gab nur eine Hürde: man musste wissen, wie das Lied hiess. Shazam ist für mich, als Musikliebhaberin, ein der besten Erfindungen gewesen. Früher galt es kreativ zu sein, um Titel und Interpret eines Songs raus zu finden. Lief es in der Disco bin ich zum DJ-Pult gerannt, bewaffnet mit Stift und Zettel, damit er mir aufschrieb, was er gerade spielte. Variante B, dafür musste es aber Mainstream sein, war das Radio. Mit etwas Glück wurde nach einem Song gesagt „und das war…“. Ansonsten gab es noch die Möglichkeit im Sender anzurufen und nach zu fragen – dafür sollte man sich Tag und Uhrzeit notieren, wann er lief – oder, einige Jahre später dann, E-Mail ins Studio bzw. die Playlist durchforsten. Vor dem Internet und vor dem Einlass in eine Disco, also Mitte der Neunziger, musste ich auf Variante C ausweichen: ich fuhr mit dem Bus in die Stadt, schnurstracks in den CD/Kassetten/Video/Schallplatten-Laden. Dort schob ich alle Schamgefühle beiseite und fing an dem Inhaber vor zu singen was ich suchte. Das ich in der Schule Französisch statt Englisch lernte machte die Sache nicht besser: „Tja, die Melodie kommt mir bekannt vor, aber der Text sagt mir so gar nichts“. Später habe ich das Singen dann durch ein Diktiergerät ersetzt. Sobald ein Lied im Radio kam presste ich das Teil an die Box, um es danach dem Musikladen-Besitzer vor zu spielen. Ab diesem Tag stieg sein Umsatz an Maxi-CD’s rapide an und sein Blick, wenn ich in sein Geschäft kam, war längst nicht mehr so angsterfüllt wie auch schon.

Diktiergerät
Mein geliebtes Diktiergerät (funktioniert sogar noch)
Heute hat man es einfacher, dafür weniger kreativ und auch weniger lustig. Shazam sagt mir, was ich gerade höre und ich kann es mir direkt auf Spotify speichern oder gleich bei Google Play kaufen. Damit auch jeder weiss, was ich gerade höre könnte ich es noch mit all meinen Communitys teilen. Irgendwie war es aber lustiger, und erforderte auch mehr Mut, es jemandem vor zu singen oder die Melodie auf meiner Flöte vor zu spielen 🙂 So schnell wie ich es heute gefunden habe, so schnell habe ich es auch wieder vergessen. Ähnlich mit dem Gästebuch, was jetzt WhatApp-Gruppen sind. Sicherlich habe ich 20 solcher Gruppen, bei denen mal mehr, mal weniger geschrieben wird. Ich überfliege den Inhalt, denke dabei schon an etwas ganz anderes und während ich das Handy weglege vergesse ich, an wen und was eigentlich gerade geschrieben wurde. Anders war das im Gästebuch. Da hat man zurückgeblättert um zu lesen was man verpasst hatte. Jeder Eintrag war informativ, denn es war oft nur einer während der ganzen Woche. Wenn mal viel los war gab es vielleicht auch zwei oder drei in einer Woche von jemand, aber mehr nicht. Nicht im 3-Minuten-Ping-Pong, geschmückt mit 120 Emojis. Der Content zählte und jeder war gespannt darauf.

Wie eine Daily Soap – Heiratsanträge, Vermisstenanzeigen… 
Heute, an Tag 7 meiner persönlichen Blog-Challenge, muss ich euch sagen: ich bin froh, wenn der 24. ist 😉 Nicht, dass es mir keinen Spass machen würde euch jeden Tag etwas neues zu liefern. Aber sind wir doch mal ehrlich: wir bekommen so viel Input jeden Tag, dass wir, auch wenn es uns interessiert, nicht alles aufnehmen können. Wenn ich euch jetzt frage, was das Thema am 2. Dezember war, wisst ihr es noch? Sogar ich muss überlegen, was ich da geschrieben habe. Der „Gründer“ des Internet wollte keine Bilder verwenden. Text (Content) zu transportieren war sein Ziel, Bilder würden vom Inhalt ablenken, nebst der Grösse der Datenmenge, die die Leitung verstopft. Knapp 20 Jahre später bekommen Videos und Fotos die meisten Klick, lesen braucht zu viel Zeit. Schade. Dennoch bleibe ich beim Inhalt, ich schwimme gerne gegen den Strom, auch wenn er stark ist. Ein Video von mir werdet ihr hier niemals sehen (1999 habe ich gesagt ich werde niemals Schlaghosen und Buffalos tragen – ich könnte euch jetzt ein Foto vom Gegenteil zeigen) – ich entscheide mich schon mal gerne um, aber ich hoffe an dieser Aussage festzuhalten. Ich transportiere Inhalt, ob man den im Bett, auf dem Klo, im ÖV oder, wegen mangelnder Videos, gar nicht liest ist mir eigentlich wurst. Ich muss keine Massen erreichen, mir genügt es schon, wenn neben mir der ein oder andere gegen den Strom schwimmt damit ich nicht so alleine bin. Und vielleicht, wenn keiner zuhört, singe ich euch dabei sogar mein neues Lieblingslied vor und ihr könnt erraten, welches es ist 😉