Türchen Nummer 5

Schreibkram

Hello again – um an dieser Stelle mal kurz Howard Carpendale aus dem Jahr 1984 zu zitieren (das war der lehrreiche Teil des Beitrags).

5. Tag in Folge, dass ich den Blog füttere. Heute gibts für euch ein Wurstbrot zum Frühstück. Im Sommer bin ich auf einen Kurzgeschichten-Wettbewerb gestossen. Vorgabe war ein Foto, auf dem ein „typisch deutsches Abendessen“ abgebildet war (zumindest trifft das auf den Teil von Deutschland zu, aus dem ich komme): 2 Vesperbrettle (Holzbrett statt Teller) Salami, Käse, Essiggurken, Senf. Mit auf dem Tisch lagen zwei Bahn-Tickets und anderer Kram. Man konnte aus einem, oder aber auch aus allen Utensilien eine Geschichte basteln.

Viel Spass damit und lasst es euch schmecken 😉

Das Wurstbrot im Rucksack

Auch wenn wir 2018 keine Fussballweltmeister geworden sind, den Titel vom Wurstweltmeister kann uns keiner nehmen!

Nun lebe ich bereits ein Jahr in der Schweiz. Das Land von Käse und Schokolade, Chäs und Schoggi, wie der Schweizer sagt. Die Wiesen sind saftig grün, die Kühe entspannt, die Menschen gemütlich – ja, die meisten Klischees werden erfüllt. Seit meinem Weggang aus Deutschland habe ich so manches aus der Heimat zu schätzen gelernt und auch über mich selbst erfahren. Eine grosse Selbsterkenntnis war: ich bin ein Wurstfresser. Diese Feststellung folgte auf eine andere, nämlich: Deutschland ist das Land der Wurst. Ja wirklich. Nirgendwo gibt es diese Vielfalt, Qualität und Menge, wie daheim.

Noch heute habe ich den Geruch von „Wurstbrot im Rucksack“ – klingt doch besser als „Dattel im Speckmantel“ – in der Nase. Der Geruch meiner Kindheit. Egal wohin es ging, in die Schule, in den Freizeitpark, ins Schwimmbad oder auf eine Wanderung, das Salamibrot, mit Essiggurken zwischen die Scheiben gesteckt, war mein ständiger Begleiter.

Nun, seit einem Jahr habe ich ein Wurstproblem, denn ich bin aus dem Wurstweltmeisterland ausgewandert ins Käseland. Auch lecker, aber anders. Der Anfang war hart. Einmal im Monat habe ich, ob im Zug oder mit dem Auto, Wurstschmuggel über die Grenze betrieben. Ich lag weit über der erlaubten Menge, aber zur Not hätte ich das Wurstübergewicht beim Zoll einfach aufgefuttert. Nun suche ich eben nach Käse, der wie eine Wurst schmeckt oder hoffe darauf, dass ein deutscher Metzger Einzug hält in unser Dörfchen.

Ja die Heimat. Als Kind wollte ich immer weg. Warum, das weiss ich eigentlich gar nicht mehr so genau. Weil es grosses Kino ist, weg zu gehen. Mädchen verlässt Kleinstadt und wird Kellnerin in der fremden Welt. Vielleicht, weil einem das Belächelt werden „ja ja, das sagen sie alle wenn sie jung sind, und alle sind sie noch da“ den Ansporn gibt, es doch zu versuchen. Ich bin gleich mehrmals weggegangen und immer wieder zurückgekommen. Daheim ist es eben doch am schönsten und keiner kocht bessere Kartoffelsuppe als Oma. Selbst jetzt, wo ich tatsächlich weg bin, komme ich immer gerne zurück. Nein, nicht nur wegen des Essens.

Manchmal stehe ich auf dem Bahnsteig oder sitze im Zug und höre mir, eher unfreiwillig, Gespräche von Teenies an. Ihre Pläne, ihre Träume. Dann denke ich mir insgeheim „ich war mal wie ihr, nur anders“. Heute kann ja jeder weg. Als Au Pair, High School-Jahr, Auslandssemester, Versetzung…alles ist möglich. Die Welt steht jedem offen, man muss nur durch den Zoll kommen. Natürlich dokumentiert man das noch in den Sozialen Medien mit vielen Selfies, das Dorf muss ja schliesslich darüber Bescheid wissen, sonst ist es, als wäre es nie passiert.

Mein erster Urlaub ging mit dem Wochenendticket nach Sylt. Ich komme aus Südbaden, wo man ein gutes Stück Schwarzwälder Schinken zu Abend isst und dazu einen Badischen Wein trinkt. Ihr wisst ja alle wo Sylt liegt, also von hier aus gesehen am anderen Ende des Landes, damals war das Gefühlt das Ende der Welt. Das Wochenendticket, für 19 DM, beinhaltete nur Nahverkehrszüge. Nun rechnet mal knapp 1000 KM auf Bummelzüge um – na rechnet ihr noch? Ohne Klimaanlage. Immerhin konnte man noch die Fenster öffnen.

Meine beste Freundin und ich waren gerade achtzehn geworden und wollten die Welt erobern. Das Budget reichte leider nur für ein Schönes-Wochenende-Ticket und ein paar Quadratmeter auf nem Campingplatz. Vierzehn Stunden dauerte diese Fahrt. Vierzehn! Wisst ihr, wie viele Wurstbrote man in vierzehn Stunden essen kann? Es war Juli und ich erwähne nochmal: keine Klimaanlage. Jede mit einem monströsen Rucksack auf dem Rücken, dem zusammengerollten Schlafsack unterm Hals. Wie zwei Bernhardiner im Rettungseinsatz machten wir uns auf den Weg gen Norden. Mit zerzausten Frisuren vom Fahrtwind, da half auch kein 3-Wetter-Taft mehr, haben wir die Insel erreicht und unser Zelt aufgeschlagen. Direkt auf einem Stein. Da es schon dunkel war stellten wir das erst nach getaner Arbeit fest. Aber es stand stabil, wie eine deutsche Eiche, im Nordseewind und daran wollten wir nichts mehr ändern.

Statt teuren Restaurant Besuchen gab es Picknick am Strand, statt mit Kultur beschäftigten wir uns mit einem schmerzhaften Sonnenbrand. Da gab es noch kein Internet, das man hätte fragen können, wo denn gerade was los war in Westerland-City oder wie man denn einen Sonnenbrand kuriert. Da ging man noch ohne den Tipp von Tripadvisor mutig in eine Bar, um dann festzustellen, dass man ganz schnell wieder verschwinden sollte. Wir fragten den Apotheker was gegen den Sonnenbrand helfen würde und er riet uns dazu, alles grosszügig mit kühlendem Quark ein zu schmieren. Wie zwei Pellkartoffeln lagen wir im Zelt und warteten darauf, dass das Brennen nachlassen würde. Das Bild vom Morgen danach, mit eingetrocknetem Quark am ganzen Körper, würde heute lebenslänglich im Internet zu finden sein. Wie gut, konnten wir stattdessen die Negative einfach zerschneiden.

Oft sitzen wir zusammen und lachen über diese Ferien-Anekdoten, schauen die Fotos dazu an und fragen uns ob die Jungen, in ihren Auslandssemestern oder bei ihren Backpacker-Weltreisen, auch solche Dinge erleben. Kommen sie auch mit Geheimnissen zurück, die tatsächlich Geheimnisse bleiben und nicht mit der Welt geshared werden um möglichst viele Likes zu bekommen? Was kann überhaupt noch schief gehen, wenn man doch die Tipps der ganzen Welt immer in der Hosentasche bei sich trägt?

Ja, das Leben, als man noch das Wurstbrot im Rucksack hatte und das Zugticket das Tor zur Welt war, war eine Wundertüte und besser als jedes Happy Meal.