Türchen Nummer 3

Tickst du noch ganz richtig?

Jeder hat seine Ticks, seine ganz eigenen Marotten. Aber manche Macken verbinden uns auch, bringen uns zum Schmunzeln, wenn wir sie an den Anderen entdecken, weil wir dann feststellen: ich bin nicht der Einzige mit einem Spleen hier.

Ich habe mich auf Tick-Recherche begeben und euch die Highlights in ein Medley gepackt, wie man das sonst eher von James Last, Helene Fischer oder Andrew Lloyd Webber kennt 😉

Tick-Tag

Der Wecker klingelt und ich drücke auf Schlummern. „Noch fünf Minuten“, denke ich mir und drehe mich um. Drei mal fünf Minuten später hilft alles nichts, ich muss raus aus den Federn. Ok, einmal drücken geht noch.

Am Frühstückstisch erwartet mich ein jungfräuliches Glas Nutella. Warum es keine Lasche gibt, um die goldene Folie säuberlich von dem Glas zu lösen, ist mir bis heute ein Rätsel aber ich habe meine Methode entwickelt. Der Nagel vom Daumen bohrt sich vorsichtig zwischen Folie und Glasrand und so schneide ich rundum. Schön vorsichtig, um auf keinen Fall die Nutella-Oberfläche zu berühren.

Die erste Messerspitze schmeckt am besten, genauso, wie Cola aus kleinen Glasflaschen besser schmeckt als jede andere Cola. Die Milch auf den Herd gestellt, damit der Milchkaffee to-go länger warm bleibt, schnell mit dem Bügeleisen über die Hose und dann ab unter die Dusche. Um auch vollständig sauber zu sein, stecke ich mir Ohrenstäbchen in die Ohren, auch wenn ich weiss, dass man die nicht dafür benutzen soll. Warum heissen sie dann aber, zumindest umgangssprachlich, Ohrenstäbchen? So, die Haare glätten, den Kaffee umschütten und dann kann es los gehen.

Schon fast an der Haustür angekommen drehe ich nochmal um. „Habe ich den Herd ausgestellt?“ Natürlich, da leuchtet nur noch das rote H, weil die Platte noch warm ist. Jetzt muss ich mich aber beeilen. Auch wenn ich jeden Tag den gleichen Zug nehme schaue ich trotzdem, ob der jetzt eigentlich 7:32 Uhr oder schon 7:28 Uhr fährt. Auf dem Weg zum Bahnhof überquere ich den Zebrastreifen und passe auf, immer nur die weissen (in der Schweiz sind sie gelb) Flächen zu betreten. Manchmal stelle ich mir vor, dass mich, würde ich in den Zwischenraum treten, eine andere Welt verschluckt.

Im Zug suche ich mir einen freien Platz in Fahrtrichtung, um mich vor der Fahrübelkeit zu schützen und beginne damit in meiner Tasche zu wühlen. So sehe ich beschäftigt aus und beschäftigte Menschen werden weniger angesprochen, dann bleibt der Platz neben mir hoffentlich frei. Ich stecke mir Kopfhörer in meine Ohren und stelle die Musik an. Zur Sicherheit nehme ich einen raus um zu testen, ob man von aussen auch wirklich nichts hören kann.

In den Sitz gelehnt schaue ich der vorbeiziehenden Landschaft nach, bis plötzlich mein Puls in die Höhe schnellt. Das Bügeleisen. Oh nein, habe ich den Stecker gezogen? Gedanklich gehe ich den Ablauf nochmal durch. Stecker rein, Hose gebügelt, Hose umgedreht und angezogen. „Habe ich den Stecker bevor oder nachdem ich die Hose vom Bügelbrett genommen habe gezogen?“ Ich kann mich nicht erinnern. In Gedanken war ich da schon bei der Milch auf dem Herd. Und der Herd? Zwar weiss ich, dass der aus ist, aber lag nicht das Geschirrtuch gefährlich nahe an der, noch warmen, Platte? Was, wenn das plötzlich in Flammen aufgeht? Wo war ich nur mit meinem Kopf an diesem Morgen. Und wenn ich doch so gedankenverloren war, habe ich das Haarglätteisen im Bad ausgesteckt? Liegt es nicht etwas zu nahe an der Plastikbürste? Schliesslich hatte es 240 Grad, das ist so heiss wie der Backofen. Na zum Glück habe ich den nicht auch noch benutzt an diesem Morgen…oder?

Den Rest der Fahrt gehe ich jeden Handgriff des morgens nochmal vor meinem inneren Auge durch, um mich zu beruhigen. Hilft allerdings nichts. Jedes mal wenn ich mir schon fast sicher bin alle Stecker gezogen und alle Brandherde sicher beseitigt zu haben schiessen mir Bilder des Schreckens in den Kopf. Was, wenn das Haus brennt und die Oma, die unter mir wohnt, es zu spät bemerkt? Dann bin ich nicht nur eine Brandstifterin sondern auch eine Mörderin. Ich sollte besser umkehren.

Völlig verstört komme ich endlich im Büro an und schiebe zuerst die offene Wasserflasche meiner Kollegin zur Seite. Nicht aus zu denken, würde diese umfallen und meinen Laptop mit 1,5 Litern Mineralwasser aus dem Schwarzwald überfluten. „Sag mal, stellen sich Bügel- und Haarglätteisen von alleine ab wenn sie zu heiss werden?“, begrüsse ich sie heute nicht ganz so freundlich wie sonst. „Schon wieder?“, ist ihre Antwort, zu der sie sich ein Lachen nicht verkneifen kann. „Wie oft denkst du, dass du etwas angelassen hast und wie oft ist es dann nicht so?“. Ja, ihr Argument beruhigt mich schon fast und so mache ich mich an die Arbeit.

In der Mittagspause lässt mir das alles doch keine Ruhe, und statt mit den Kollegen essen zu gehen fahre ich besser schnell nach Hause.12:03 Uhr oder 12:07 Uhr, wann fährt denn noch gleich der Zug?

Als ich aus dem Zug steige riecht es nach Rauch. „Oh nein!“, schiesst es mir durch den Kopf. Ich bin eine Mörderin. Schnell renne ich über den Zebrastreifen, scheissegal ob mich die Zwischenwelt verschluckt, jetzt geht es um Leben und Tod. Als ich, schweissgebadet, den Schlüssel ins Haustürschloss stecke sehe ich, dass unser Nachbar Holz verbrennt. Daher also der Geruch. Phu. Schnell stürme ich die Treppe nach oben. Friedlich erwartet mich meine Wohnung. Kein loderndes Feuer, kein geschmortes Plastik. Na toll, und ich habe mir so einen Stress gemacht.

Für den Rückweg nehme ich das Auto, um Zeit zu sparen. Ich stelle die Musik leise, um besser einparken zu können und bin bereit für den zweiten Teil des Arbeitstages. Dieser sollte nun aber entspannter werden. „Na, steht die Hütte noch?“, begrüsst mich meine Kollegin. Erleichtert falle ich auf meinen Stuhl. „Ich weiss ja, dass ich ab und zu paranoid bin“, bekommt sie als Antwort, mit einem beschämten Lächeln. „Hoffentlich hast du die Wohnungstür auch abgeschlossen?“, ärgert sich mich. „Klar“, lautet meine unsichere Antwort. Höm?

Mit schokoladigen Fingern nimmt meine Kollegin den Hörer unseres gemeinsamen Telefons ab. Fast zeitgleich hole ich schon das Desinfektionsspray aus der Schublade. Während sie telefoniert schicke ich meiner Freundin eine Nachricht, um über die Essgewohnheiten der Kollegin zu lästern. Als ich das Handy wieder in die Tasche stecke fällt mir siedend heiss ein, dass mein letzter Chatkontakt heute ja meine Kollegin war, als ich ihr geschrieben hatte, dass ich auf dem Rückweg sei. Ach du Scheisse. Was, wenn ich die Lästerei an sie statt an meine Freundin geschickt hatte. Mit hochrotem Kopf und Puls 150 krame ich nach dem Handy. Wie kann es so weit unten in der Tasche sein, hatte ich es eben doch noch in der Hand? Nochmal gut gegangen, uff. Wenn ich es schon in der Hand habe kann ich noch ergänzen, wie sehr mich ihr lautes Kauen stört. Diese Mal checke ich den Empfänger zweimal, bevor ich auf senden drücke.

„Nimm die Zunge rein, du tropfst gleich“, ertönt es von meinem Gegenüber. Gerade bin ich dabei etwas aus zu schneiden und in meiner Konzentration rutscht mir da schon mal die Zunge aus dem Mund. „Ok, aber dafür schneidest du mir den Artikel aus, ich hasse es, Zeitungspapier an zu fassen“, werfe ich über den Tisch zurück. „Ich dachte, du kannst kein Styropor anfassen“, entgegnet sie mir mit rollenden Augen. „Das auch“, sage ich und schiebe ihr die Zeitung und die Schere über den Tisch. Vor meinem Feierabend räume ich säuberlich alles vom Tisch, man weiss ja nie ob man am nächsten Tag auch tatsächlich wieder kommt und vernichte den Schmierzettel mit meinen Telefonkritzeleien.

Wenn ich heute schon das Auto dabei habe kann ich gleich meine Wocheneinkäufe erledigen. Noch schnell zur Toilette, beim Rausgehen checken ob WC-Papier an meinen Schuhsohlen klebt, was ja ultrapeinlich wäre, und dann auf zum Supermarkt. Heute Abend kommt eine Freundin zum Essen, da kann ich gleich eine Flasche Wein für uns mitnehmen.

Im Supermarkt greife ich automatisch in den hinteren Teil des Regals. Niemals würde ich etwas kaufen, das ganz vorne steht. Ich bin ein 3.Reihe-Käufer, da das noch von niemandem angetatscht wurde. Zurück auf dem Parkplatz dauert es zehn Minuten bis ich mein Auto finde, weil ich, völlig in Gedanken, ausgestiegen und zum Eingang gegangen bin, ohne darauf zu achten, wo ich geparkt hatte.

Endlich zu Hause, die Wohnungstür war natürlich abgeschlossen. Bevor meine Freundin kommt mache ich mir noch schnell einen Tee, wofür ich das alte Wasser aus dem Wasserkocher kippe. Schliesslich ist das schon einmal gekocht, das schmeckt, ein zweites mal gewärmt, dann komisch.

„Gib mir mal die Butter“, bittet mich meine Freundin. „Aber nur von der kurzen Seite abschneiden, und gerade“, gebe ich ihr Anweisung. „Und wie machst du es dann bei Margarine?“, fragt sie mich schelmisch. „Na von oben abschaben, ist doch klar.“ Sie lacht und beobachtet, wie ich die Enden der Würstchen abschneide und an meinen Tellerrand schiebe, worauf sie fragt: „hast du noch mehr Macken von denen ich nichts weiss?“. „Tzzzzztzzzztzzz“, bekommt sie von mir zur Antwort.

Als ich sie, zwei Stunden später, an der Tür verabschiede höre ich durch die Wohnungstür Stimmen im Treppenhaus. „Warte noch bis die weg sind“, sage ich zur ihr und halte den Türgriff fest in der Hand. „Ich gehe nicht gerne in den Flur wenn die Nachbarn da auch gerade sind.“

Nachdem ich geprüft habe ob der Herd aus, die Wohnungstür verschlossen und alle Lichter ausgeknipst sind schliesse ich noch die Schranktür und lege mich ins Bett. Dort creme ich mir, wie jeden Abend, die Hände ein und beschmiere meine Lippen mit Labello, da ich sonst nicht einschlafen kann. Ich rechne schnell aus, wie viele Stunden ich schlafen kann, bevor der Wecker und der Ersatzwecker klingeln. Ihhhhhh, die Knöpfe der Bettdecke sind oben. Schnell drehe ich die Decke um, sodass alles am richtigen Platz ist, und fühle ich gleich wohler. „Naja, da habe ich wohl einen kleinen Spleen,“ denke ich mir und knipse das Licht aus.