Herz im Wasserglas

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Schon als Kind hat mich brennend interessiert, was da so den ganzen Tag in uns passiert. Die romantische Zeichentrickvorstellung von „Es war einmal das Leben“ wollte mir nicht aus dem Kopf gehen. Kleine Männchen, die mit Sauerstoffrucksäcken im Körper umherwandern, Böse Viren-Schurken werden augenblicklich bekämpft und der bärtige Captain Iglo-Zwilling in der Schaltzentrale hat für jedes Problem eine Lösung. Ich wollte Gerichtsmedizinerin werden, um mir endlich selbst ein Bild davon machen zu können, was da hinter unserer Haut alles lauert. Meine Hoffnung war es, dass mich meine Eltern mal bei Rudi Carrells „Lass dich überraschen“ anmelden würden und Rudi mich dann eines Tages aus der Geschichtsstunde erlösen würde, um mit mir die Pathologie zu besuchen. Aber Rudi kam nicht. Sicher hatte ihm niemand meinen Wunsch mitgeteilt aus Angst man würde sich fragen, warum ein kleines, 32 Kilo-Mädchen, das Gymnastik macht und im Blasmusikorchester ist, auf so eine abartige Idee kommt.

Einige Jahre später wurde ich erhört. Tante und Onkel erbarmten sich und wir fuhren ins Anatomische Museum nach Basel – schon damals musste ich die Schweizer Grenze überqueren um meinen Träumen näher zu kommen 😉 Es war eine Mischung aus Frankensteins Labor und Biounterricht. Überall standen Einmachgläser mit eingelegten Einzelteilen. Davor kleine Kärtchen die beschrieben, was uns hier anblickte. Anfangs war es befremdlich, da es so gar nichts mit „Es war einmal das Leben“ gleich hatte. Wo kamen denn endlich die Gläser mit den Flugzeugen der weissen Blutkörperchen? Wo waren die bunten Farben? Und überhaupt fehlte mir die Intromusik: „Spürst du es in diiiir….“. Mein Onkel spürte da was ganz anderes in sich und verbrachte den Grossteil unseres Ausflugs bleich auf einem Stuhl. Für mich war das alles abstrakt und spannend. Schliesslich wusste ich doch besser wie es im Körper aus zu sehen hatte und diese Vorstellung lies ich mir nicht zerstören. Das war also die Schul-Ansicht der Dinge und Schule war eben immer grau und ohne tanzende Männchen – weshalb man wohl später auch das Highschool Musical erfunden hat. Nachdem ich alle Ausstellungsstücke genau inspiziert hatte erlöste ich meine Verwandten und wir fuhren wieder nach Hause.

Seit dem Tag wollte ich dann, immer im Wechsel, Autorin, Reporterin, Comiczeichnerin oder Schauspielerin werden. Gerichtsmedizinerin war raus, da zu grau.

Am 30. Oktober 1997* – wie passend, zu Halloween – startete dann in Mannheim die Körperweltenausstellung. Noch nie dagewesen. Wochenlang ging es durch die Presse und man war sich nicht sicher ob man kotzen oder applaudieren sollte. (*Quelle: Wikipedia)

Ich setzte mich in den Zug und fuhr hin, um mir davon ein Bild zu machen. Es war bunter als im Museum, gespickt mit spannenden Informationen und hier war der Körper als Ganzes viel deutlicher erkennbar, als im Reagenzglas-Ersatzteil-Lager der Uni. Ich ging alleine, denn meine Freunde waren alle der Meinung „iiiiiihhhh, das ist ja eklig“. Für mich war da kein „iiihhh“, denn all das, was da zu sehen war, tragen wir ja in uns. Ist es dann nicht eine Chance die man nutzen sollte, wenn es einen interessiert, sich ein Bild davon zu machen? Man schaut ja nicht zu, wie diese Präparate entstehen, kennt nicht die Namen und die Geschichte hinter den „Objekten“. Diese Menschen haben sich der Wissenschaft zur Verfügung gestellt und so hat man, auch ohne Medizinstudium, die Gelegenheit zu sehen, dass ein Herz ja gar nicht die Form eines Herzens hat, die Lunge eines Rauchers nicht gerade einen Schönheitspreis bekommen wird und dass Hammer, Amboss und Steigbügel winzig klein sind, und dennoch klar erkennbar. Mein Wissensdurst war gestillt und ich konzentrierte mich nun auf lebendigere Themen des Lebens und fuhr zur Loveparade.

 

In Facebook ploppte kürzlich eine Veranstaltung in meiner Nähe auf: Real Human Bodies Expo in Bern. Ich googelte, wurde aber nicht fündig. Keine Homepage, kein Veranstalter. Nur diese Seite im Social Media mit Adresse und Datum der Veranstaltung und einem Link zu einem Ticketshop. Das Bild erinnerte an Körperwelten. Da der Körper für ich noch immer ein spannendes Thema ist wollte ich die Chance nutzen, um mir Faszien, Muskeln und Sehnen mal etwas genauer an zu schauen, was für mein Sportverständnis sicherlich nützlich sein könnte. Zum Glück habe ich hier in der Schweiz eine Gleichgesinnte gefunden, die mein Verrückte-Ideen-Level teilt. „Kommst zu mit mir zu einer Ausstellung mit echten Körperteilen?“, ist vielleicht nicht die Frage, die ich jedem Menschen in der Kennenlernphase stellen würde. Aber hier war die Frage noch nicht mal ausgesprochen und ich sah das „Ja ich will“ in ihrem Gesicht.

So haben wir uns gestern also auf den Weg zu besagter Adresse gemacht. Gestrandet sind wir dann vor einer leerstehenden Lagerhalle. Hier bitte einmal das Lagerhallenklischee vor Augen führen, mit Maschendrahtzaun, Graffitis, zugeklebten Scheiben….

Vor dem Eingangsloch im Zaun standen zwei Frauen mit Flyern in der Hand. Ich dachte erst an den Europapark, wo man ja auch beim Eingang den Parkplan in die Hand gedrückt bekommt, zur besseren Orientierung. Die Orientierung ging hier aber in eine andere Richtung.

Ob wir denn schon gehört hätten, dass gegen diese Ausstellung ermittelt wird. Phu, ich gestehe, dass ich da am Rande ein paar Kommentare in den Sozialen Netzwerken gelesen habe, aber gibt es denn nicht immer Menschen die gegen irgendwas demonstrieren weil etwas daran gegen ihre Ansichten verstösst? Ich gebe Menschen gerne eine Chance, solange sie mir nichts aufquatschen wollen, und so hörten wir ihr zu. Ich mache es kurz, denn wen es interessiert, der darf das gerne an anderer Stelle nachverfolgen: der Veranstalter behauptet, die Leichen seien freiwillige Spenden, die aus den USA stammen. Hierzu gibt es keine Dokumente, die das bestätigen. Verschiedene Nachforschungen legen die Vermutung nahe, es handle sich hier um Leichen von Gefangenen in China, die aufgrund ihres Glaubens und ihrer politischen Zugehörigkeit verfolgt und ermordet wurden. Auch konnte die Ausstellung nur über den Zoll gelangen unter dem „Decknamen Kunst“. (Quelle ist der Flyer, den ich mitgenommen habe).

Diese Infos warfen direkt ein anderes Licht auf die Sache, was uns jedoch nicht davon abhalten sollte, uns ein eigenes Bild der Gruselshow zu machen. Wir zahlten also brav unsere 27 CHF Eintritt, bei Kartenzahlung erfolgt die Abbuchung in EURO (das Zahlungsmittel der Schweiz sind Schweizer Franken, hier war schon der erste dubiose Teil der Sache). Wir bogen um die Ecke eines Vorhangs und standen in einer, recht überschaubaren, Lagerhalle. Keine 3 Sekunden hat es gedauert da schauten wir uns mit Fragezeichen im Blick an „das hat ja mal nichts mit Körperwelten zu tun“. Wir steuerten auf den 1. Tisch zu. Ein Stehtisch mit einer schwarzen Husse drüber. An solchen Tischen gibt es normalerweise, nach Feierabend, kleine Häppchen zum Apero. Das Wasserglas stand schon darauf bereit und daran lehnte ein plastiniertes Herz. Einfach so. Als hätte jemand eine Topfpflanze abgestellt. Daneben ein zerknitterter Papierfetzen, mit Fettfinger-Abdrücken drauf, auf dem man nachlesen konnte wie die einzelnen Bereiche des Organs genannt werden (die meisten dieser im Raum ausgelegten Schmierzettel waren ein Mix aus Englisch, Französisch, Deutsch…keine klare Linie, null Sorgfalt). Wir blieben stehen und warfen einen geschockten Rundumblick durch den Raum.

Die wenigen Dinge die dann mal hinter Hartplatikscheiben waren konnte man kaum erkennen, da das Plastik feucht angelaufen und brüchig war. Der Grossteil der „Ausstellungsstücke“ – der Name ist definitiv zu hoch gegriffen – lag achtlos auf Tischen, oft ohne Bezeichnung. Angeleuchtet von einer traurigen Billiglampe mit traurigen 20 Watt Leuchtkraft. Wo immer man den Blick hin wandern lies, man stiess auf Schmutz, kaputte Teile und Lieblosigkeit. Hier geht es nicht um das Vermitteln von Wissen. Nicht um den Erhalt des Menschen, der sich der Wissenschaft zur Verfügung gestellt hat. Das hier ist eine widerliche Art der Geldmache auf Kosten der Würde. Embryonen im Hintergrund einer Kulisse aus Starkstromkabeln und milchig angelaufenen Fabrikhallenscheiben. Ich hätte am liebsten auf den Tisch gekotzt. Nicht, weil ich einen Ekel vor dem Menschlichen Körper habe, sondern einen Ekle vor den Abgründen der Menschlichen Seele. Der Abschluss der kurzen Schreckensrunde bildete ein Skelett. Auch als Nicht-Mediziner konnte ich sehen, dass dieser Mensch wohl eher nicht friedlich eingeschlafen war. Ein gebrochener Brustkorb, in dem einige Rippen durch Holzstückchen ersetzt wurden. Die Füsse verdreht, die Zehen gebrochen. Sicherlich ein Unfall beim Transport, denn die Menschen haben sich ja alle freiwillig zur Verfügung gestellt…..

Nach diesem Szenario haben wir uns eine Weile zu den beiden Frauen gesellt, eigentlich hätten sie unser Eintrittsgeld bekommen sollen, und uns etwas aufklären lassen, was es mit Organhandel und anderen Dingen auf sich hat. Ich weiss zwar noch immer nicht, wie Faszien aussehen aber vielleicht gibt es auch Wichtigeres.

Ihr fragt euch vielleicht: „Was ist mit ihr los, sonst schreibt sie immer so lustiges, sinnloses Zeug?“. Hier muss ich aber mal ein paar Eindrücke verarbeiten, die mir nicht runter gehen. Ich habe nicht von Herzen in Gläsern geträumt oder grauen Zungen die einfach so auf nem Plastikständer liegen. Aber die Schlagworte Unterdrückung, Qual, Macht und Geldgier haben mich nicht losgelassen. Diese „Ausstellung“ ist so anonym, dass sich der Künstler nicht mal per Foto und Vita vorstellt, es keine Flyer und keine Website gibt. Jeder Rappen, den wir dort gelassen haben, war nicht nur zu viel, sondern fühlt sich blutverschmiert an.

Da hatte ich mein „Lass dich überraschen“-Moment nun doch noch. Danach musste ich erst mal heiss duschen, da ich das Gefühl hatte, den Tag auf nem Schlachthof verbracht zu haben und mich vielleicht mit Pietätlosigkeit angesteckt haben zu können.

Ich bin keine Künstlerin und keine Menschenrechtskämpferin. Auch qualifizieren mich 5 Staffeln von Dr. House nicht zur Medizinerin. Aber ich kann darüber schreiben was ich sehe und empfinde und das habe ich somit getan und werde es vielleicht noch an anderer Stelle tun, denn Leben und leben lasse ist eine Sache, aber wegschauen eine andere.

 

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