Jubiläum

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Holt den Partyhut aus der Faschingskiste, ich bin im elften Monat. Wäre ich ein Elefant, könnte man vermuten ich bekomme Nachwuchs, aber so kann es, zum Glück, nicht zu Missverständnissen kommen. Ich bin im elften Monat meines Ausländer-Daseins. Jetzt habe ich noch einen Monat Zeit mir Gedanken darüber zu machen, ob ich aus diesem Anlass die Korken knallen lasse oder, ausnahmsweise, mal etwas tiefer ins Glas schaue.

Ich war schon oft die „Fremde“, aber im Käse-Schoggi-Land fühlt es sich anders an.

Die Bayern zum Beispiel, die machen es einem nicht gerade leicht. Die Zugereiste, die Reingeschmeckte, die Preußin, die Schwäbin (tzzzzz) oder einfach (gefühlt) die Feindin. Dennoch habe ich es 1201 Tage (ich habe im Internet einen super Differenz-Rechner für Daten entdeckt) überlebt. Die meisten Tage davon waren sehr schön und ich hatte am Ende sogar eine Ansammlung an lieben Freunden, die ich zurückgelassen habe. Ich wurde von den Eingeborenen akzeptiert, verstanden und sogar gemocht (und wehe ihr nehmt mir jetzt diese Illusion). Was man den Bayern lassen muss: sie ziehen ihr Ding durch. Kein Bayer würde auf die Idee kommen plötzlich Hochdeutsch zu reden, aus Angst, man könnte ihn nicht verstehen. Das ist dem dann einfach (Weiß)Wurst. Friss oder stirb (und bevor du frisst, tunk es in süßen Senf!).

Wir waren ja gerade in Bayern, ein bisschen Ferien machen. Da schipperten wir, mit Dänen, Chinesen, Japanern, Amis und und und idyllisch über den Königsee. Das Entertainmentprogram war im tiefsten Oberbayrisch gehalten. Die wichtigen Teile hat er ins BayrEnglisch transläitet, aber nie wäre dem in den Sinn gekommen statt einem „Griass Gott“ hier ein „Guten Tag, meine Damen und Herren“ durch den Lautsprecher zu trällern. Warum auch, zur Kultur gehört eben auch, oder gerade, die Sprache.

In NRW war ich kurz, sicher zu kurz, um das Fremdenverhalten wirklich zu beurteilen. Aber die sind sowieso Multikulti. Hier kommt eher etwas Mitleid rüber, dass du bei ihnen gelandet bist, obwohl es dort nun wirklich nicht überall hässlich ist. Dazu noch der ausgeprägte Humor, selbst wenn du dort beleidigt wirst denkst du, es ist ein Witz. Da dort natürlich eher gepflegtes Deutsch gesprochen wird, also fast alles klingt gepflegter als Süddeutsch wenn wir ehrlich sind (schschsch – was nuschelst du denn so?), war natürlich ich eher die, die sich zusammennehmen musste. Man fühlt sich ja auch etwas wie ein Trampeltier, wenn man im tiefsten Odelshofnerisch losrättert.

Beim Austausch in Frankreich, oder auch beim Arbeiten im Club Med, wurde einfach ignoriert, dass ich kein Französisch von Geburt an spreche. Es gibt für Franzosen nur Französisch, warum sollte man eine andere Sprache sprechen? 😉 La vie est belle!

Mallorca ist da sicher ein ganz spezieller Ort, wenn es um Anpassung geht. Die Mallorquiner sind offenkundig nicht die größten Fans der Deutschen. Will man es sich also nicht direkt verscheißen, sollte man die grundlegende Alltagskommunikation auf Spanisch machen. Zumindest, wenn man dort ne Weile leben will. Als Tourist ist es, meiner Meinung nach, höflich, wenn man es wenigstens probiert (also Bitte, Danke, Hallo und Tschüss geht immer). Kein Mallorquiner würde auf die Idee kommen, außer er ist auf Touris abgerichtet, mit dir Deutsch zu reden, damit du ihn besser verstehst. Je schneller man sich dann noch ein paar Wörter in Mallorquin(isch) verinnerlicht desto besser. Statt „Buenos dias“ heißt es dort eben „Bon dia“ und statt „Buenas noches“ „Bona nit“. Aus „Gracias“ wird „Gràcis“ und aus „Adiós“ wird „Adéu“ sowie aus „Buen proveco“ (Guten Appetit) „Bon profit“ wird. Das liegt daran, dass es zwei Amtssprachen gibt. Spanisch und Mallorquin. Das Mallorquin ist ein Dialekt des Katalanischen, mit Einflüssen aus dem Französischen, Italienischen und Arabischen (so viel dazu vom Erklärbär). Es sind Kleinigkeiten, aber es ist ein Zeichen, was man setzt, das aussagt „ich habe verstanden, du bist kein Spanier, du bist kein Deutscher, du bist Mallorquiner und ich bin  cool damit und respektiere das“. Es ist nun mal nicht unser Zusatz-Bundesland und „die müssen ja wohl Deutsch können, bei den ganzen Deutschen die denen das Geld bringen“ ist auch nicht die feine Art.

Dennoch spürt man natürlich immer, dass man nicht dazu gehört, daraus machen sie kein Geheimnis. Wenn sie einen dann aber nicht ganz so kacke finden reden sie sogar das ein oder andere Wort Deutsch mit einem, wenn es keiner sonst mitbekommt 😉

Auf Reisen ist man ja sowieso immer der interessante Exot (das ist zwar kein passendes Wort für unsere unspannende Lebensweise aber nun gut) oder gleich der entfernte Verwandte (z.B. in den USA, wo jeder zweite Amerikaner einem gleich erzählt, dass er ja eigentlich auch Deutscher ist, da die Cousine der Tante der Oma damals Deutsche war).

So, nun, im elften Monat Switzerland kann ich euch sagen: hier läuft es anders. Das es, in diesem klitzekleinen Land (als Beweis dafür wie klein es ist, oben das Foto unserer Weltkarte) 4 Amtssprachen gibt. Es ist übrigens so klein, dass es nur eine Zahl auf der Karte bekommen hat, weil der Name zu lang ist für den wenigen Platz 😉

So, nun gibt es hier also 4 Sprachen, dazu noch jede Menge Ausländer und man weiß nie so recht, was das Gegenüber eigentlich spricht. Ich wäre ja, als 5. Amtssprache, für Zeichensprache. So könnte man erstmal mit den Händen abklären, in welcher Sprache man sich dann weiterverständigen möchte.

Obwohl ich (wieder) in mein breitestes Badisch zurückverfallen bin entlarven mich alle als Deutsche. Sicher denken sie sich heimlich „die hat nen gewaltigen Sprachfehler“ aber dennoch gehen sie davon aus, dass ich sie nicht verstehe, oder (noch schlimmer), dass es unhöflich wäre, mir zuzumuten, sie zu verstehen. Also wird mit mir (Hoch)Deutsch geredet. Nun, an die BRD-ler, die Dialekt reden, mal unter uns: wieviel Sinn haben eure Sätze noch, wenn ihr euch darauf konzentriert Hochdeutsch zu sprechen? Ich würde sagen 40% von der Aussage rutscht ins unverständliche, weil man sich so stark Mühe geben muss anders zu reden als „wie einem der Schnabel gewachsen ist“.

In Baden bestelle ich Wecken, in Bayern Semmeln, sonstwo in Deutschland Brötchen, Schrippen oder was auch immer. Auf Mallorca ein pan, bollo, bocadillo und bei den Amis heißt es eben roll. Ich könnte auch mit dem Finger drauf zeigen, aber wenn ich zum Bäcker gehe, Smartphone-sei-dank, kann ich aufm Weg ja schonmal schauen, wie das heißt, was ich mir da kaufen möchte. Kein Spanier, kein Ami und sicher auch kein Franzose würde darauf antworten „oh, sie möchten also ein Brötchen“, wenn ich ihm das Wort doch schön in seiner Sprache aufsage. Der Schweizer tickt da anders. Seine Höflichkeit geht so weit, dass er meine Bestellung nochmal auf Schriftdeutsch wiederholt.

Ich stehe also beim Bäcker und möchte ein Laugenbrötchen (Badisch: Laugenweckle) bestellen, was hier Laugenbrötli heißt, oder Silserbrötli. Die, wirklich nette, Verkäuferin sagt dann, unter großer Anstrengung ihre Schweizer ch`s nicht zu sehr rausklinge zu lassen „ein Laugenbrötchen, sehr gerne, darf es noch etwas sein?“ und ich bin komplett aus dem Konzept. Seit fünf Minuten lege ich mir den Satz im Kopf zurecht, wie ich dieses Silserbrötli am schönsten aussprechen kann, und dann *bääääm*. Stattdass mich Mutti hier lobt „schön hast du das aufgesagt, mein Kind“ kommt bei mir nur das Signal an „lass das mal lieber, ich höre doch eh, dass du Deutsche bist“. Mit Fragezeichen im Kopf nehme ich also mein Laugenweckle und gehe nach Hause. Je länger ich hier bin, desto mehr fällt es mir auf, und desto mehr fallen mir die Unterschiede auf, ob es jemand wirklich lieb gemeint macht, sprich aus Höflichkeit (aber Leute, ICH bin doch die „Fremde“ also lasst doch mich höflich sein) oder ob es einen leicht bitteren Unterton hat (die Deutschen sind nicht die Nummer Eins auf der Beliebtheitsskala hier, was ich auch oft sehr gut nachvollziehen kann).

Nach elf Monaten hier kann ich, aktuell, nur eines sagen: das schönste Kompliment was man mir machen kann ist, mit mir Mundart zu reden. Sobald ich als Deutsche geoutet bin, und der Schweizer bleibt aber bei seiner Sprache ist für mich alles entspannt. Fängt der Schweizer aber an, mit mir zu Hochdeutscheln frage ich mich „Shit, muss ich jetzt auch Hochdeutsch reden, damit der mich versteht? Das kann ich doch gar nicht“. Also daher:  jeder wie ihm der Schnabel gewachsen ist. Wenn ich es nicht verstehe hebe ich die Hand, das habe ich in der Schule so gelernt, oder ich interpretiere, das mache ich ja auch wenn mein Gegenüber eine andere Sprache spricht.

In diesem Sinne werde ich mein einjähriges Ausländer- Jubiläum in Irland feiern, mit grünem Partyhut und einem pint of Guinness. Wetten, dass der Wirt mir nicht das Glas hinstellen wird, mit den Worten „hier, ihr Maß dunkles Bier, zum Wohl“.