„…es war einmal…“

img_20161118_215542.jpg

Ein Jahr später….

Märchen beginnen mit „Es war einmal“ – also warum nicht:

Achtung, gleich folgt der eventuell längste Satz ever – aber da alles Wichtige in einen Satz muss, um es gerecht zu machen, wird dieser eben etwas lange (ihr könnt ja den Finger als Lesehilfe dazunehmen).


Es war einmal, am 19. November 2015, da stieg die Effi in einen Flieger um so weit weg wie überhaupt möglich zu fliegen: ans (andere) Ende der Welt. Dort sah sie atemberaubende Landschaften (Berge, Strände, Meere – rechts und links ein anderes -, türkisfarbene Seen, Flüsse, Lupienfelder, Schneegipfel, einsame Straßen, filmreife Kleinstädte und das Studio One) * Delfine, Pinguine und Seelöwen – so nahe, dass sie nach einem Fluchtweg Ausschau halten musste * verbrannte sich die Füße im schwarzen Sand (und wie lange der unter den Zehnägeln bleibt…) * wanderte durch Farnwälder * knipste Erika, ihre treue Reisebegleiterin, unter Wasserfällen wie man sie eigentlich nur aus Märchen kennt * machte ganz alleine und ohne Autoradio einen Roadtrip * verliebte sich in einen Hund namens Emma (der Charakterhund Nummer 1) * musste feststellen, dass Busfahren nicht ihre Stärke war (Kotzbus ich werde es dennoch nochmal mit dir testen…irgendwann) * erlangte die Erkenntnis darüber dass das, was allen gefällt ihr nicht gefällt (dafür andersrum: Westport ist liebe dich noch immer – Raglan sorry aber no match) * erlebte das, für sie, emotionalste Sporterlebnis (this girl dances amazing!) * lernte den Unterschied zwischen Alleinsein und Einsamkeit kennen * ging mit Fremden und vertraute dabei auf ihr Bauchgefühl * teilte sich jede Nacht das Zimmer mit anderen Leuten (was mal mehr und mal weniger lustig war) * fuhr nach 35 Jahren endlich doch mal per Anhalter (und das quasi mental) * musste feststellen, das Koffer so viel bequemer sind als Rucksäcke * testete Neues (alleine im Auto schlafen mitten in einem menschenleeren Ort, Hot Yoga mit Rettungsbanane oder einfach ohne Plan und Ziel für 3 Monate los zu ziehen) * legte Altes ab (die Veränderung einer Reise kommt erst viel später, schleichend, leise…aber sie kommt) * lernte das Gefühl kennen auf zu wachen und nicht zu wissen welcher Tag eigentlich gerade war * wusste in einigen Momenten doch die Heimat sehr zu schätzen * traf immer wieder Menschen die fröhlich, hilfsbereit, offen und dazu noch humorvoll waren * lernte mit 9 Unterhosen und 6 Paar Socken zu leben und dennoch war der Rucksack (später Koffer) immer randvoll * spürte wie gut es tut Ballast ab zu werfen * stellte fest, dass ihr Herz immer an vielen Orten gleichzeitig sein würde, je mehr Orte und Menschen sie kennenlernen würde * und dass, egal wie weit man läuft, man sich immer selbst im Gepäck dabei hat (und dennoch Platz für Sandfliegenspray ist, das dann aber bei einem Großangriff nicht in greifbarer Nähe ist).

Aber vor allem das Eine hat sie gelernt, und deshalb bekommt das einen neuen, frisch-jungfräulichen Satz: dass jeder Mensch mit dem sie ein Stück dieser Reise geteilt hat, und wenn es nur der nette Typ aus dem Bus in Auckland war (der 10 Minuten probiert hat zu erklären welche Busse sie doch alle zum Ziel bringen würden und dann einfach mitgefahren ist), die indischen Begegnungen die überall lauerten und stundenlangen Gespräche die einem Abrisskalender gleich kamen, die Tinas und Emmas, die Les Mills-Freaks, die vielen gutgelaunten SupermarktkassiererInnen und BusfahrerInnen (thank you!), CoffeeShop Mädels (die coolen 2 mit dem Coffee-Truck in Auckland wo es nen Muffin mit Flat White aufm Weg zum Studio One gab inklusive nettem Smalltalk), die chinesischen Kellner vom Cafe mit dem besten Chicken-Bagle, die Trainerin in Queenstown die schöner als jeder Anderen Steeeeeefanie gesagt hat (ich mache es euch gerne mal vor es ist so Kiwi da habe ich glatt einen neuen Namen), pauschal alle Einwohner von Arrowtown (und ich dachte immer Gilmore Girls wäre die totale Disneyerfindung), …Fish, Ranschid alias Tom, die Schwedisch-Chilenische Geburtstagsgang…ja das sind die Kapitel die hier fehlen…ein paar Geschichten muss man sich auch noch zum Erzählen als Ass im Ärmel aufbewahren…(@Mikrowellen-Tina…da fällt mir glatt der Garten-Regen-Waschtag am 1.1.2016 ein…und unser gekonnter Blickaustausch in so mancher Situation…aber klar, wer mental per Anhalter fahren kann der kann auch wortlos lästern)

In 90 Tagen um die Welt ist eine Geschichte – 90 Tage am Ende der Welt ist meine Geschichte

Es war einmal, vor genau 365 Tagen, da bin ich um diese Zeit sehr nervös in Bayern gesessen, habe mir 3 verschiedene Wecker gestellt, bin gedanklich nochmal den Rucksack durchgegangen „kann noch was raus, muss noch was rein, doch lieber die andere Jogginghose, eine Unterhose geht noch, ah ne doch nicht…“ und wusste, egal was passieren wird in diesen 3 Monaten, es wird mich verändern. Weil Reisen (im Gegensatz zu „in den Urlaub fahren“ – „Manfred reservier die Poolliege ich klau noch schnell Obst vom Frühstücksbuffet“ ) immer seine Spuren hinterlässt. Weil du, wenn du offen in die Welt gehst immer etwas aus dieser Welt mitnimmst in deine Welt. Weil ich an Serendipity glaube und an Karma und an Disneyromantik….

Mit Sicherheit war es nicht der perfekte Trip denn ich hatte viel zu wenig Geld und eine ganz schlechte Vorbereitung (wie ich jeden Abend in der Hostelküche feststellen musste „was für ein See?“ „wo ist der?“ „muss man den sehen?“ „oh mist da bin ich dran vorbei gefahren“). Meine Routen waren chaotisch, meine Fortbewegungsmöglichkeiten beschränkt (trotz Reisetabletten) und ich war ständig getrieben von irgendwas. In 3 Monaten habe ich es nicht geschafft mal auch nur einen Tag mit einem Buch irgendwo zu sitzen und außer lesen nichts zu tun. Ich lag vielleicht einmal wirklich am Strand, für zwei Stunden wenn es hochkommt (ok Sonnenbaden ist jetzt auch kein must have in Neuseeland, außer man ist zu einer Kostümparty eingeladen und will als Winnetou gehen), ich habe mich an einem Ort wohl gefühlt und musste viel zu früh los weil ich schon viiiiel zu weit voraus geplant hatte mit „Anschlussterminen“. Ich habe einfach meinen Alltag in den Rucksack gepackt (daher kamen also die 16 Kilo, nicht von den Unterhosen) und habe ihn dort schön säuberlich ausgepackt und nochmal aufgebügelt (da fällt mir das Foto von meinen UK-indischen Mädels im LM Studio in Christchurch ein wie sie, nur ein Handtuch umgewickelt, in der Umkleidekabine ihre Sachen bügeln…tolles Bild…leider nicht internettauglich, sorry). Das Highlight einer jeden Stadt waren ihr Les Mills Studio und der morgendliche Kaffee mit Spaziergang und Musik in den Ohren. Man könnte sagen „gott wie blöd dafür fliegt sie da hin“ oder man könnte sagen „keine Ansprüche das Mädel“ – ich sage euch „wie schön, festzustellen, dass dein Alltag das ist, was dich im Leben glücklich macht“. Und mit dieser Erkenntnis konnte ich den Alltag, zusammen mit ein paar neu geshoppten Sportklamotten, in den Luxuskoffer packen und wieder zurück fliegen ohne das Gefühl zu haben ich hätte noch 23 weitere Wasserfälle und 48 unentdeckte Farnarten sehen müssen.

Aber ich komme wieder Neuseeland, denn ein Teil meines Herzens, es ist ja zum Glück groß, habe ich dagelassen – so wie ich Erika auf die Reise nach Indien geschickt habe…weil es einfach die Geschichte vollendet hat *disney* (ich hoffe sie wurde nicht schon zwangsverheiratet).

Der Weg über Mallorca, der dann folgte, musste auch sein. Zum Einen weil es auch dort keinen wirklichen Alltag gibt (auch wenn der Nicht-Alltag dort im Sommer und mit den richtigen Leuten sehr lebenswert ist) und zum Anderen weil auch dort ein paar wichtige Wegweiser auf mich gewartet haben (den Zahn habe ich als Pfand dort gelassen). Außerdem sollte man mindestens einmal im Jahr seine engste Vertraute (und deren Hunde) sehen (love you mi bruja con corazon).

Wer den Blog gelesen hat weiß: sie nimmt immer den komplizierten und schwierigen Weg. So auch in dem Fall. Anders kann es mein Hirn nicht begreifen und meinen Herz nicht akzeptieren. Zudem macht es nichtmal halb so viel Spaß (und ich hätte ja auch nichts zum Schreiben).

Und heute sitze ich hier, in meinem Alltag. Am 18. November 2016. Vor mir Erika2.0 die mich mit ihrem grünen Glitzerhorn im Visier hat und auf ihre erste Reise wartet. Liebe Erika2.0, ich fliege mit dir zwar nicht ans Ende der Welt (aber ja, du darfst bald fliegen) und den Kotzbus ersetzen wir jetzt erstmal durch solide Deutsche Bahn, aber ich verspreche dir, es wird spannend, lustig, mutig und….disney…. und ist der Anfang von einem weiteren „…es war einmal…“. Und jetzt pack` deinen Schal und den Pass ein, wir müssen bald los!