Sale im Hinterstübchen

Mittlerweile ist es Montagmorgen, mein letzter Tag in Auckland, in Neuseeland, und ich möchte euch an der Stelle einfach mal ein paar Gedanken mitteilen – vielleicht kommt auch noch mehr nach denn der Effi-Kopf ist schon wirklich sehr voll gerade. Aber erstmal das hier, was ich eben beendet habe:

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Es ist Samstagabend, 21:40 Uhr und ich habe zum vorletzten Mal meinen Koffer gepackt. Heute ist wohl Waschabend im Wohnheim denn der Waschsalon im Keller ist „the place to be“ wie mir scheint. Irgendwie auch beruhigend dass nicht nur ich den Samstagabend statt mit Tanzen mit Waschen verbringe.

Morgen muss ich nochmal, für die letzten beiden Nächte, umziehen ins Hostel (die Uni schließt da die Ferien zu Ende sind und die Studenten zurückkommen). Irgendwie bin ich aber ganz froh denn 12 Nächte im Einzelzimmer und ohne Gemeinschaftsküche hat mich etwas an meine Einsamkeitsgrenze gebracht. Kaum zu glauben aber mir haben die Backpacker-Blabla-Gespräche gefehlt, das Zimmer teilen mit irgendwelchen Fremden und auch das gemeinsame in der Küche rumsitzen. Klar war es auch schön meine Ruhe zu haben und das Licht im Zimmer an und aus zu schalten wenn mir danach war, aber dieser Luxus war eben auch mit Nebenwirkungen verbunden.

Nun nutze ich mal den letzten Abend in Ruhe um die 3 Monate etwas an mir vorbeiziehen zu lassen. Naja so richtig wird das erst zu Hause passieren, da bin ich mir sicher, aber ich kann an dieser Stelle dennoch schon ein kleines Abschlussplädoyer verfassen.

Hier eine kleine Zusammenfassung von Effi (falls jemand nicht alles lesen möchte oder einfach auf Inhaltsangaben, wie im guten alten TV-Heft, steht):

3 Monate, 3 Inseln (Nord-, Südinsel und Waiheke) , 2 Tattoos, 1 Koffer, -1 Rucksack, 1 neuer Haarschnitt, 3 Inlandflüge, zu viele Busfahrten, 1 Woche Roadtrip mit 1800km, 0 mal im Meer gewesen (brrrr), + 3 kg für mich und +5 kg für den Koffer, Pinguine, Robben, Seelöwen und Delfine gesehen, Berge, Strände, Seen – von allem etwas dabei, emotionale Berg- und Talfahrt, tolle Menschen (und nervige Menschen) kennengelernt, eine Sammlung an Inspirationen erhalten, 3 mal per Anhalter gefahren und überlebt, ich wurde nicht überfallen, ausgeraubt, habe nicht den Pass oder die Kreditkarte verloren, mein Konto wurde nicht gesperrt, ich hatte jede Nacht ein Bett (bis auf eine Nacht im Auto aber das war eine Mutprobe an mich selbst), musste nicht Hungern (im Gegenteil), habe keinen Bus verpasst, habe es zu allen Orten geschafft die auf meiner Wunschliste standen….und das Wichtigste: ich habe viel dazugelernt.

Ich bin an keine Grenzen gestoßen (außer vielleicht emotional) was aber daran liegt, dass ich nicht bis an die Grenzen gehe. Ich fordere das Glück nicht heraus. Jeder denkt „uhhhh 3 Monate alleine mit dem Rucksack das wird ein Abenteuer“ aber wir erleben immer genau so viel Abenteuer wie wir zulassen. Ich habe nicht nach einem Abenteuer in Form von Wildcampen, Fallschirmspringen, durchs Land trampen, auf fremden Sofas schlafen oder Wildwasserrafting gesucht. Würde ich auf sowas stehen würde ich es daheim tun da kann mich jemand im Krankenhaus besuchen wenn es schief geht. Es ging auch nie darum möglichst viel zu erleben und möglichst alles zu sehen um dann möglichst Jedem über Alles berichten zu können. Das Abenteuer an diesem Trip war eher, wie lange halte ich es alleine aus, was mache ich alles alleine und was lasse ich lieber sein und was für Menschen werden meinen Weg kreuzen; was werden sie in mir auslösen. Während dieser Reise hat sich das alles nicht spektakulär angefühlt. Ich bin mit dem Bus von A nach B gefahren, habe im Hostel eingecheckt, mir ein paar Dinge angeschaut, meine Zimmerkollegen kennen gelernt und das war es dann eigentlich schon. Seit ich in Auckland bin, an einem Fleck, und zur Ruhe komme, merke ich was da alles auf mich eingeprasselt ist. In meiner Gedankenwelt ist gerade Fasching angesagt mit viel Täääätäääräää von allen Seiten. Sobald ich einen Gedanken verfolge kommt eine Luftschlange quer ins Bild gefolgt von einem Papphut und der Gedanke ist dahin. Ich würde euch gerne teilhaben lassen an diese Gedankenkarussell, denn da sind ein paar sehr brauchbare Punkte dabei…vielleicht komme ich darauf zurück.

Es gibt nur 3 Möglichkeiten dem Alltag etwas zu entfliehen: 1) man geht ins Kloster 2) man lässt das Handy zu Hause 3) man fliegt irgendwo hin wo es Tag ist wenn zu Hause Nacht ist, dann herrscht den ganzen Tag Ruhe aber am Abend freut man sich über Zuneigung von zu Hause (die für mich beste Variant). In den 3 Monaten konnte ich somit auch feststellen wer denn da alles Teil hat an meinem Leben (unabhängig davon ob wir in der Zeit jetzt viel Kontakt hatten – einfach mal hinfühlen wer da „fehlt“ in manchen Momenten). An welchen Stellen ich mal entrümpeln und an welchen investieren sollte wurde mir auf alle Fälle klar bei dem Trip – und nicht nur das!

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Aber hier erstmal zu Neuseeland:

Es findet sich unglaublich viel auf der Haben-Seite:

  • Traumstrände und faszinierende Landschaften
  • Wetterüberraschungen am laufenden Band (man hat einfach immer das Falsche an)
  • unfassbar nette, herzliche und offene Menschen
  • ein sehr humorvolles Land (am besten sieht man das in den verschiedenen Videos, zb. bei youtube, von Air New Zealand)
  • toller Musikgeschmack (ich liebe die Radiosender in Auckland!)
  • man kann rumlaufen wie man möchte und keiner schaut einen schräg an
  • alles und überall kann man mit Kreditkarte zahlen
  • die Schuhe werden desinfiziert BEVOR man in den Wald geht (damit man nichts in den Wald schleppt was die Tiere oder Pflanzen gefährden könnte)
  • die Kiwis lieben jede Art von Sport und hier laufen mehr Menschen in Sportklamotten rum als im Businessdress
  • die Mittagspause wir im Gym beim Fitnesskurs verbracht und danach kann man in der Umkleide nochmal schnell die Bluse an der Bügelstation aufbügeln
  • Sonntag ist Familientag…da wird der Wohnzimmerteppich am Strand oder im Park ausgerollt, ein Zelt für den Mittagsschlaf der Kinder aufgebaut und der Grill aufgestellt und so verbringen dann alle gemeinsam mit Freunden und Familie ihren Sonntag bis die Sonne untergeht
  • im Sommer ist hier alles Open Air, ob Kino, Konzerte, Tanzkurse, Yogastunden, Vorträge…das Auckland-Angebot ist große, toll und gratis
  • ich liebe die Kaffeekultur in diesem Land und finde es süß dass man gleich gefragt wird ob man Zucker möchte denn der kommt gleich mit in die Tasse (und wie charmant manche fragen ist noch süßer)
  • noch nie habe ich nettere Busfahrer erlebt als auf der Strecke Arrowtown-Queenstown
  • Kiwis lieben es mitzusingen wenn irgendwo Musik läuft
  • man wird ständig von Fremden angesprochen die sich einfach mal kurz nett unterhalten möchten
  • „how are you“ klingt vielleicht wie eine Floskel aber oft ist die Frage doch mehr als ein höfliches Blabla – und wenn ich nächste Woche wieder arbeite werde ich es testen und einfach mal meine Gäste fragen „hey wie geht’s euch“ – und ich bin gespannt wie die Reaktion sein wird J
  • die Kiwis respektieren „Extras“, zb. wurde ich bei einer Bootstour mit Lunch gleich gefragt „vegetarisch, glutenfrei oder sonstige Wünsche“ und auch alle Cafes bieten Sojamilch an, viele haben Paleo-Frühstück, glutenfrei bekommt man auch an jeder Ecke. Finde ich ne tolle Sache wie hier „besondere Ernährungsformen“ nicht nur akzeptiert sondern auch freudig unterstütz werden

Natürlich habe ich aber auch einige Punkte für die Soll-Seite:

  • ganz oben: die Preise fürs Essen – wenn man sich gesund ernähren will geht das ordentlich ins Geld. Obst, Gemüse und Fleisch sind schon eher Luxus (vor allem als Reisender). Super leben kann man von Pizza (Domino und Pizza Hut) für 5$ – allerdings will keiner wissen wie das Ergebnis nach 3 Monaten Pizza-Diät aussieht.
  • die öffentlichen Verkehrsmittel – also klar es gibt die Fernbusse die einen, etwas wild-wackelig, von A nach B bringen aber in A und B vorwärts zu kommen ist schier unmöglich. Die schönsten Flecke erreicht man eben nur per Auto (oder zu Fuß)
  • Radfahren ist eine ganz schlechte Idee! Hatte eine Zimmerkollegin aus Stuttgart die 4 Wochen mit dem Rad unterwegs war. Nicht nur dass es keine Radwege gibt, geschweige denn Infomaterial über die Straßenverhältnisse für Radfahrer, nein sie wurde (nicht nur einmal) von Autos und Bussen gestreift weil die Straßen einfach recht eng sind und auch kaum jemand mit Radfahrern rechnet
  • leider muss ich es bestätigen: überall Deutsche! Das klingt vielleicht doof weil ich ja nichts gegen Deutsche habe, aber da fliegst du ans Ende der Welt und sie sind überall. Und es sind eben überwiegend die, die gerade frisch von der Schule kommen und in vielen Fällen für Augenrollen bei den anderen Reisenden (und Einheimischen) sorgen weil sie leider der Generation „mir gehört die Welt“ angehören. Irgendwann möchte man sich garnichtmehr als Deutscher outen. Sehr viel Fremdschämen ist hier angesagt wie z.b. mit Christina aufm Markt beim Brot verkaufen als ein Backpacker fragt „ist das deutsches Brot? Und ist das denn auch frisch?“ – von 150 Kiwis hat keiner so dumme und freche Fragen gestellt und wir wussten sofort (ok man hat es auch am Akzent gehört) woher der „arrogante Wind weht“ – also solltet ihr mit der Schule fertig sein und einen Aufenthalt im Ausland planen bitte lasst die Arroganz zu Hause und denkt nach bevor ihr redet….oder bleibt einfach zu Hause. Natürlich gibt es auch seeeeehr viele tolle junge Leute die hier unterwegs sind, keine Frage, von denen habe ich auch einige kennen gelernt (nicht dass ich hier gleich auf den Scheiterhaufen komme). Und noch einen Tipp an die, die hier ein Jahr oder länger unterwegs sind: ihr alle schwärmt von der Freundlichkeit der Kiwis – warum nehmt ihr euch die nicht als Vorbild mit nach Hause? Nachdem ja wohl gefühlt jeder 3. nach dem Abi hierher kommt würde es ja unser Land revolutionieren wenn auf einmal alle diese freundliche Mentalität an den Tag legen würden?!
  • kein wirklicher Minuspunkt aber es verwirrt mich bis heute (seit ich es gesehen habe): warum werden in Neuseeland Kiwis aus Italien verkauft???
  • es herrscht hier leider eine sehr hohe Fastfood und Takeaway Kultur – vielleicht weil es günstiger ist als Lebensmittel frisch zu kaufen – aber dennoch sehr schade da auf der anderen Seite alles organisch, grasgefüttert, glutenfrei, zuckerfrei etc ist – sind zwei Extreme die hier aufeinandertreffen
  • mir blieb der „Neuseeland-Flash“ aus – so viele schwärmen von Neuseeland als „schönstes Land der Erde“ und da kommt man natürlich voller Erwartungen hier an – wenn man allerdings schon etwas rumgekommen ist auf der Welt (gerade USA, Irland und andere Teile von Europa haben viel Ähnlichkeit mit hier) dann bleibt einem jetzt nicht unbedingt die Spucke weg beim Anblick von Seen und Bergen…bestes Beispiel: ich saß mit Matze am Lake Taupo von dem alle sagen „boahhhh unfassbar schön den darfst du nicht verpassen“ und wir schauen uns den Sonnenuntergang an und stellen fest „schau mal, das sieht haargenau so aus wie zu Hause am Chiemsee“ woraufhin wir aufgestanden sind und erstmal ein fettes Schokoladenfondue gefuttert haben 😉 – also ja, Neuseeland ist wunderschön aber den Atem hat es mir nicht geraubt (und es war beruhigend fest zu stellen dass es eigentlich allen Reisenden über 30 genauso ging)

Vielleicht ist Neuseeland nicht das modernste Land in vielen Dingen (aber bei der geringen Einwohnerzahl würde das auch oft keinen Sinn machen) aber wo sie auf alle Fälle ganz Vorne liegen ist Offenheit, Humor, Freundlichkeit und Respekt. Und das ist so viel mehr wert als ein ausgebautes Netz der öffentlichen Verkehrsmittel.

 

Nun möchte ich einfach mal auf einige Punkte eingehen über die ich des Öfteren nachgedacht habe auf meinem Trip:

Hostels:

Nach den ersten Hostels hat man den Dreh raus und erkennt sofort beim Einchecken ob die neue Unterkunft was taugt. Es sind Kleinigkeiten aber die machen es aus: gibt es Salz, Pfeffer und Öl in der Küche, hat man eine Steckdose am Bett, eine eigene Leselampe ist schon Luxus über den man sich glatt 2 Minuten freuen kann, hat die Dusche einen Hacken fürs Handtuch und eine Ablage für Duschgel etc, gibt es Kaffee, Tee und Zucker, hat es ein Handtuch im Bad um die Hände ab zu trocknen und das Wichtigste: Stockbetten oder nicht. Denn eigentlich mag sie doch keiner. Vor allem oben hat man verloren denn zum Einen wackelt das ganze Bett sobald sich der unten minimalst bewegt und zum anderen kannst du nicht einfach mal, wenn du ins Zimmer kommst, auf dein Bett sitzen und was machen, und da die Zimmer in der Regel keine Stühle haben sitzt du eben nicht. Ahhhhh ne noch wichtiger natürlich: gibt es gratis Wlan und wenn ja (was nicht die Regel ist) funktioniert es auch. In den meisten Hostels bekommt man einen Voucher für 100MB (wie gnädig) und für mehr muss man (nicht gerade wenig) zahlen.

Hostelleben:

Glücklicherweise hatte ich in der ganzen Zeit nur einen richtig fiesen Schnarcher mit im Zimmer (ich klopfe auf Holz denn mir stehen ja nochmal 2 Nächte bevor). Ansonsten war es eher wie in einem Schweigekloster in der Nacht und ich habe mich gefragt ob die alle noch leben. Ab und an hat eben mal jemand Stinkefüße oder raschelt zu eher unmenschlichen Zeiten stundenlang in seinen Plastiktüten rum und macht gefühlte 100 Reisverschlüsse auf und zu aber das ist eben das „Übel“ am Mehrbettzimmer. Verrückt wird es dann eher wenn nachts um 1 Uhr die Tür aufgerissen wird, eine Frau das Licht anknipst und in ein 4-er Zimmer in dem 3 Leute schon schlafen blöd fragt „Hallo ich bin gerade angereist welches Bett ist hier denn noch frei“. Das sind dann auch die Menschen die um 6:30 Uhr eine Stunde lang ihren Rucksack umpacken um danach gemütlich duschen und frühstücken zu gehen und dann um 10 Uhr mit allen anderen auschecken. Die möchte man gerne freundlich töten. (Oder sich nett rächen, gell Tina?! Ich liebe deine Cola-Aktion!!)

Faustregel Nummer 1: man lernt Leute in der Küche kennen. Ist einfach so denn da muss früher oder später jeder mal hin und beim Kochen, Geschirr zusammensuchen oder abspülen kommt man immer ins Gespräch (Tina habe ich ja auch an der Mikrowelle kennengelernt). Ansonsten hatte ich mich eher fern gehalten von Gemeinschaftsräumen denn mal ehrlich, warum sollte ich in Neuseeland abends im Fernsehraum mit 20 anderen eine DVD anschauen?! Da fällt mir tatsächlich Besseres ein – selbst wenn es nur Schlafen ist.

Ach und noch was fällt mir zum Thema Hostelleben ein: „Free“. Im Kühlschrank, in der Küche oder im Gemeinschaftsraum gibt es immer Bereiche in denen andere Reisende Dinge zurücklassen, die sie nichtmehr benötigen. Im Normalfall Essen (denn nach der 3. Busfahrt ist es dir auch zu blöd eine Flasche Olivenöl oder eine angebrochenes Marmeladenglas mit dir rum zu tragen), Bücher oder auch Klamotten etc.

Tatsächlich gibt es Leute die sich den Wecker früh stellen um direkt nach der ersten Abreisewelle am Morgen die Free-Sachen abzugrasen. Also im Hostel kann man definitiv lernen wir man spart 😉

Neuseeland hat wirklich viele Hostels aber komischerweise trifft man immer wieder die gleichen Menschen.

Das Ozonloch:

Wer von euch vor hat nach Neuseeland oder Australien zu fliegen packt euch reichlich Sonnencreme LSF 50 ein denn die Sonne brennt einen innerhalb kürzester Zeit über den Haufen. Was ich hier Sonnenbrände gesehen habe da haste das Bedürfnis die Feuerwehr zu rufen! An Sonnencreme sollte man, auch wenn sie hier unfassbar teuer ist, nicht sparen. Die Kiwis hüpfen übrigens erst nach Sonnenuntergang ins Meer und selbst da meistens mit Klamotten. Also besser eine gesunde Urlaubsblässe als einen lebenslangen Schaden.

Der Backpack:

….ist ein unbequemes Arschloch! Also ganz ehrlich ich dachte ja das wird cool mal so als Rucksackreisender los zu ziehen aber nicht nur dass es unglaublich auf den Rücken und Nacken drückt nein dieses olle Ding ein und aus zu packen ist noch um einiges schlimmer. Egal was man braucht, es ist ganz unten. Egal wie wenige Teile du nur auspackst, sie passen nichtmehr rein danach. Und die Mischung von frischen und muffeligen Klamotten machen das Auspacken nicht schöner. Um ehrlich zu sein: viele haben den Rucksack des Klischees wegen. Denn den einzigen Weg den die meisten damit zurücklegen ist der zwischen Hostel und Bushaltestelle. Keiner kommt doch auf die Idee und macht hier große Wanderungen mit dem 20kg Klotz aufm Rücken (außer man steht drauf). Aber Prinzipiell lässt sich das vermeiden also warum sich dann mit diesem unpraktischen Teil rumschlagen wenn es auch so einfach sein kann in Form eines Koffers mit Rollen und Griff zum Ziehen, in dem man säuberlich alles einpacken kann das, mit etwas Glück, beim Auspacken noch an der gleichen Stelle liegt. Übrigens gibt es einen Begriff für die „Luxusbackpacker“ die auch mal Essen gehen oder sich einen Inlandsflug statt 3 Busfahrten gönnen: Flashpacker 😉 Könnt ihr mal googeln – ich würde sagen ich falle definitiv in diese Kategorie 😉

Der Mainstream:

Ich habe schnell festgestellt: was allen gefällt das gefällt mir nicht um umgekehrt. Hätte mir ja klar sein müssen denn ich lebe ja auch total anders wie „alle“. Das war ja auch der Grund weshalb ich diesen Trip erst gar nicht mit Reiseführer geplant habe (bis auf ein paar grobe Eckpfeiler). Aber das gilt ja nicht nur fürs Reisen sondern einfach für alles im Leben. Selbst rausfinden was einem gefällt und nicht immer auf die (vorgekaute) Meinung der Anderen verlassen.

(Folgender Abschnitt ist einfach mal an irgendwelchen Alterszahlen festgemacht um es zu benennen…und alles beschreibt wie ich es empfunden habe, was natürlich niemals eine allgemeingültige Meinung ist) 😉

Die Ü50 Reisenden:

Die „Oldies“ sind die glücklichsten Reisenden die ich kennengelernt habe. Sie sind tiefenentspannt. Haben sich diese Reise verdient, erspart oder es war einfach ihr langes Ziel. Auf alle Fälle blicken sie auf ihr geleistetes im Leben zurück, sind selbstbewusst, selbstsicher und können über viele Dinge einfach hinweglächeln. Oft sind sie alleine unterwegs oder mit Partner oder Freunden und haben Spaß, wissen wie man genießt – ich komme vielleicht mit 55 wieder und schaue ob ich auch so sein werde. Die beste Truppe hatte ich in Nelson im Zimmer: 3 Kiwi-Freundinnen um die 60 die sich einfach mal eine Woche Urlaub von ihren Familien genommen haben und einen mehrtätigen Track im Abel Tasman Park gegangen sind. Sie hatten so viel Spaß und eine riesige Freude daran ihre Fotos der vergangenen Tage an zu schauen und waren einfach 100% im Hier und Jetzt und saugut gelaunt.

Sie reisen mit Ruhe, kommen mir sehr entspannt vor, auch im Mehrbettzimmer oder am Waschmaschinen- und Herdstau sind sie in „ihrer Mitte“. Sicherlich haben sie lange an dieser Reise geplant, sich die interessantesten Wandertouren rausgesucht, kennen ihre Route, wissen um die Klimabedingungen und haben ein solides Reisebudget zur Verfügung sodass zwischendrin immer mal eine Nacht im Einzelzimmer und ein gutes Essen im Restaurant drin ist.

Die Ü30 Reisenden:

Wir! Wir stehen gerade irgendwo (gefühlt) in der Mitte unseres Lebens. Wir haben schon gelegt, viel erlebt, einiges gesehen und sind auf der Suche nach Antworten, nach uns selbst, nach unserem Weg…..nach was auch immer, aber wir suchen nach etwas. Für uns ist ein Ort nicht nur schön sondern er ist „ach hier sieht es irgendwie aus wie in….“ – „das erinnert mich hier aber ganz schwer an…“ . Wir vergleichen mit dem uns Bekannten, versuchen die Unterschiede zu erkennen um fest zu stellen ob das nun besser oder schlechter ist das das Bekannte (ein fataler Fehler, nicht nur bei neuen Menschen die wir kennenlernen sondern eben auch bei Landschaften). Wir warten auf Zeichen und Wegweiser für unsere Lebensorientierung. Wir verstehen nicht wie jemand in einem 6er-Zimmer morgens um 7 Uhr für eine Stunde in gefühlt 100 Plastiktüten wühlen und 50 mal den Reiseverschluss vom Rucksack auf- und zumachen kann (siehe oben 😉 ). Wir stehen in der Küche hinter den „kleinen“ und würden ihnen am liebsten das Messer aus der Hand nehmen bevor sie sich selbst, statt ihre zu große Zwiebel, zerhacken. Wir verdrehen die Augen wenn wir sie dabei beobachten wie sie ihr Essen nicht nur fotografieren sondern gleich nen ganzen Film davon drehen. Wir vergleichen Preise („Mensch die Milchprodukte sind hier aber teuer“) und stellen beim Kennenlernen Fragen wie „und was machst du so beruflich“. Wir sind etwas unentspannt weil wir hier auf die totale Entspannung hoffen. Wir sind etwas gehetzt denn „wir haben ja schließlich nicht ein ganzes Jahr um das Land zu bereisen“. Wir haben (naja manche zumindest) den Reiseführer und die Reiseforen studiert um ja kein Highlight zu verpassen. Eine zweitätige Wanderung? Ne sorry die passt jetzt echt nicht in den Zeitplan. Wir vermissen Dinge in der Küchen (ach so ein Balsamicoessig wäre jetzt schon toll) von denen andere nicht mal wissen dass es sie gibt „hab da ne Flasche Dressing gekauft“ – „cool kipp rein“). Wir fühlen uns gammelig weil wir ständig aus dem Koffer/ Rucksack leben und die gleichen Klamotten tragen und würden einfach gerne mal wieder shoppen gehen oder zumindest einen Föhn benutzen. Wir sehen nicht einfach nur den Ort sondern stellen uns Fragen wie „was arbeiten denn die Menschen hier, wo es ja nichts gibt“ oder „wie kann man hier leben bei den Preisen“. Unsere Gespräche mit anderen sind ernst, nach den reiseüblichen Themen geht es um Weltgeschehen, Wirtschaft oder unsere Vergangenheit die wir hier irgendwie alle nebenbei etwas verarbeiten wollen.

 Die U30 Reisenden:

Der Schulstempel auf dem Abizeugnis ist noch nicht ganz trocken da springen sie in den Flieger auf der Suche nach Spaß, Abenteuer, Erleuchtung und Geschichten die sie den Daheimgebliebenen erzählen können. Sie haben ein kleines Budget (naja viele von ihnen haben dankt Ersparnissen und elterlicher Unterstützung ein eher großes Budget an das sie sich aber nicht so ganz ran trauen), immer die Möglichkeit irgendwo was dazu zu verdienen sollte es knapp werden oder für freie Unterkunft zu woofen (ok diese Möglichkeit ist altersunabhängig). Sie fragen die sozialen Netzwerke nach dem Wetter, der besten Route, dem billigsten Bus oder einfach nur wo gerade die coolste Party der Stadt in Gange ist (oder wo man Brokkoli kaufen kann….haha…Insider). Ankommen und dann einfach sehen was sich ergibt. Treiben lassen und dem Strom folgen (und der Strom von ihnen ist wirklich nicht zu übersehen). Zum ersten Mal sind sie völlig unabhängig und für sich selbst verantwortlich. Zum ersten Mal putzen sie Fenster und Toiletten um gratis zu Übernachten (ich wette viele von Ihnen würden zu Hause nicht mal den Müll raustragen). Zum ersten Mal stehen sie am Herd und fragen sich wie Mutti das eigentlich hinbekommt das das Gemüse gleichzeitig mit den Nudeln und dem Fleisch fertig wird (und hey, weiß irgendwer von euch wie man die Zwiebel eigentlich schneidet). Aber sie schlagen sich tapfer! Sie ziehen los und kaufen sich ein Auto, ohne Versicherung, um dann zum ersten Mal links zu fahren. Sie sind so unbeschwert und machen einfach. Hier ein Fallschirmsprung, da eine Surfstunde, Abseilen in eine Höhle, Wildcampen…..was kann schon passieren im wohl sichersten Reiseland der Erde? Klar kämpfen auch (oder gerade) sie mit Heimweh, vermissen ihre Freunde, ihren Luxus, sind zum ersten Mal an Weihnachten alleine….wobei…alleine ist man auf Reisen ja nie. Daher sind diese Tiefs eher von kurzer Dauer oder dann so tief dass sie, dank offenem Rückflugticket, einfach den Flug nach Hause buchen und das Abenteuer beenden. Es ist eine Lebenserfahrung und wird sie sicherlich in vielen Dingen bereichern. Sie lernen andere Kulturen kennen, lernen dass es sozialere und herzlichere Menschen gibt als zu Hause, finden raus dass sie aus einem sehr privilegierten Land kommen in das sie jederzeit zurückkehren können. Sie können mit freiem Oberkörper oder in Hot Pants über den Strand springen und verrückte Fotos machen die sie dann mit ihren Freunden in den sozialen Netzwerken teilen. Sie können einfach alles denn sie stehen noch ganz am Anfang!

Ich beneide die „Alten“ um ihre Ruhe und die „Jungen“ um ihre Leichtigkeit und wäre manchmal froh gewesen wenn mein Kopf nicht mitgekommen wäre auf diese Reise!

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(ganz wichtige) Anmerkung:

All das sind MEINE Erfahrungen und es ist MEINE Sicht der Dinge. Fragt 10 Leute und ihr habt 10 Meinungen 😉